
Ein schüchternes Kind wünscht sich zwar Kontakt mit Menschen, fürchtet sich aber vor Ablehnung, Bewertung oder davor, ausgelacht zu werden. Das ist von der natürlichen und wichtigen Angst vor Unbekanntem oder Gefahren zu unterscheiden. Wenn ein Kind übermässig gehemmt ist, ist das in aller Regel anerzogen, also kein natürliches Verhalten. Kinder kommen niemals schüchtern zur Welt, sie brauchen und lieben den sozialen Kontakt.
Mögliche Ursachen
Schüchternheit und Angst
Schüchternheit ist ein sogenanntes Ersatzgefühl. Ersatzgefühle entstehen vor allem dann, wenn Eltern mit den dahinter stehenden echten Gefühlen, in diesem Fall Angst, nicht angemessen umgehen. Wenn sich ein Kind zum Beispiel ängstigt, wenn Fremde auf es zukommen, ist das völlig natürlich und eine gesunde Reaktion: das Kind weiss ja noch nicht, ob ihm der Fremde wohlgesinnt ist. Wenn Sie sich nun darüber lustig machen („Hast Du Angst gefressen zu werden?“) die Angst des Kindes einfach verharmlosen („Tu doch nicht so, es ist ja nur…“), nehmen Sie das Kind nicht ernst. Das wiederum kann zu einem Vertrauensverlust führen. Das Kind weiss nun nicht mehr, ob es seinem Gefühl der Angst vertrauen soll oder Ihnen als Eltern. Das gilt übrigens auch für ironische Bemerkungen („Der Onkel ist doch kein Monster!“), die Kinder während den ersten Jahren noch nicht verstehen können.
Schüchternheit und Vertrauen
Auf diesen Zusammenhang müssen Sie unbedingt achten, insbesondere in den beiden ersten, entscheidenden Phasen der Erziehung. Denn nur wenn Sie den Ängsten des Kindes wirklich vertrauen, gewinnt das Kind entsprechendes Selbstvertrauen. Den Ängsten des Kindes vertrauen heisst zunächst lediglich, dass Sie überhaupt akzeptieren, dass das Kind Angst hat (Sie können es zur Bestätigung auch fragen: „Hast Du Angst?“). In aller Regel genügt das auch schon, da Kinder keine Erklärungen dafür benötigen. Denn ein Gefühl ist einfach da und braucht keinerlei Begründung oder Rechtfertigung.
Sobald das Kind immer wieder die Erfahrungen gemacht hat, dass zum Beispiel von Menschen, die seinen Eltern schon bekannt sind, keine Gefahr ausgeht, wird es sich auch nicht mehr fürchten. Wenn das Kind hingegen immer wieder erfährt, dass seine Angst nicht ernstgenommen wird, wird sein natürliches Vertrauen in seine eigenen Gefühle beeinträchtigt, sodass es verunsichert wird.
Schüchternheit und Mut
Sicher gibt es mehr oder weniger mutige Kinder, aber schüchtern kommt kein Kind zur Welt. Kinder haben gewisse Ängste, insbesondere gegenüber Unbekanntem und fremden Personen. Das ist selbstverständlich sehr nützlich und sollte von den Eltern respektiert werden. Sie brauchen Ihr Kind auch nicht speziell zu ermutigen, denn es hat (noch) ein sehr feines Gespür dafür, was es sich zumuten kann und was nicht.
Schüchternheit und Fremdeln
Etwas anderes ist die Reaktion von Kleinkindern in der Phase, da sie beginnen, zwischen „Ich“ und „Du“ zu unterscheiden. Dann beginnen sie häufig (aber auch nicht zwingend) zu fremdeln. Das ist ein ganz natürlicher Entwicklungsschritt des Kleinkindes, das beginnt, zwischen ihm vertrauten Gesichtern und fremden Gesichtern unterscheiden zu können. Diese Phase geht in der Regel ziemlich schnell wieder vorbei, jedenfalls dann, wenn Sie die Reaktion akzeptieren, das Kind also nicht etwa zum Kontakt mit Fremden zwingen. Da Kinder (noch) sehr sinnlich sind, reagieren sie übrigens nicht bloss auf fremde Gesichter, sondern auch auf fremde Gerüche und Stimmen.
Angemessene Reaktion
Wenn Ihr Kind auf Kontakt mit Menschen schüchtern reagiert, sollten Sie ihm in erster Linie einen gewissen Schutz anbieten, indem Sie es zum Beispiel an Ihnen halten lassen oder es in die Arme nehmen, wenn es danach verlangt. Es wird dann von alleine merken, dass Sie sich auch nicht fürchten. Und da es Ihnen ja schon von Natur aus vertraut und Sie zum Vorbild nimmt, wird es früher oder später ganz von sich aus, die Schüchternheit wieder verlieren.
Immer hilfreich ist auch die Frage nach seinen Gefühlen („Hast Du Angst?“). Fragen Sie aber nicht nach dem Grund („Warum hast Du Angst?“). Gefühle sind einfach da und brauchen keinerlei Berechtigung oder Erklärung! Das Kind muss unbedingt erfahren dürfen, dass Angst ein besonders hilfreiches Gefühl für sein Leben ist, wenn es darum geht, Gefahren zu erkennen.
Kontraproduktive Reaktionen
Ignorieren
Wenn Eltern einfach so tun, als wäre nichts, wenn sich das Kind fürchtet, übergehen sie seine Gefühle, das heisst, sie ignorieren es in einem ganzen wichtigen Punkt. Kinder sind aber keine Maschinen, sondern nehmen ihre Gefühle sehr intensiv wahr, ganz im Gegensatz zu vielen Erwachsenen, die diese Fähigkeit leider häufig verloren haben. Gefühle des Kindes zu übergehen, ist denn auch eine der schlimmsten Formen des Liebesentzugs.
Verharmlosen
Auch verharmlosen ist wenig hilfreich. Sie können noch so lange wortreich erklären, dass der Metzger nicht böse ist, es wird die Angst des Kindes kaum vertreiben. Und es spielt überhaupt keine Rolle, ob sich das Kind vor dem Messer fürchtet, das der Metzger in Händen hält, oder vor seiner tiefen Stimme (oder sonst etwas Unbekanntes). Es kann auch gut sein, dass andere Kinder gerade dadurch fasziniert sind – auch das spiel keine Rolle. Entscheidend ist einzig und allein, dass Sie die Angst des Kindes ernst nehmen. Sie brauchen weder nach dem Grund zu fragen, noch ihm die Harmlosigkeit zu erklären versuchen.
Auslachen
Der Anblick eines Kindergesichts, das sich vor etwas fürchtet, mag für Erwachsene lustig erscheinen. Das darf aber niemals ein Grund sein, sich über das Kind lustig zu machen. Sie würden sich dadurch vom Kind distanzieren, statt sich mit ihm zu verbinden. In solchen Momenten braucht aber das Kind seine Eltern, die ihm Vertrauen geben. Suchen Sie also vielmehr seine Nähe und fragen Sie es, vor was es sich fürchtet. Das Kind wird sich schon alleine dadurch beruhigen, dass Sie sich ihm annehmen, irgendwelche Erklärungen („Das ist doch nur die Oma.“) oder ironischen Bemerkungen („Bist Du wieder einmal so schüchtern?“) sind hingegen völlig unnötig, ja kontraproduktiv.
Drängen
Überhaupt nicht förderlich ist auch, ein schüchternes Kind zu einem Kontakt, vor dem es sich fürchtet, zu drängen. Kinder sollten vielmehr erfahren dürfen, dass sie ihren eigenen Gefühlen vertrauen dürfen und können. Als Eltern müssen Sie lernen, das Verhalten des Kindes zu respektieren. Wenn das Kind also Angst vor dem Hund hat, macht das Sinn (denn die Angst schützt das Kind vor allzu viel Nähe, die der Hund ja als Angriff interpretieren könnte).
Mögliche Folgen
Wenn die Schüchternheit des Kindes nicht ernst genommen wird, wird sich diese früher oder später verselbständigen und zu einem massgeblichen Teil der Persönlichkeit. Das ist aus einem doppelten Grund problematisch:
- Schwierigkeiten mit zwischenmenschlichen Kontakten: Schüchterne Menschen trauen sich insbesondere zu wenig, mögliche Partner anzusprechen. Und wenn sie dann doch einen Partner gefunden haben, trauen sie sich zu wenig, ihre eigenen Bedürfnisse einzubringen. Gleichzeitig haben sie mehr Mühe, die Bedürfnisse des Gegenübers wahrzunehmen. Darunter leidet zwangsläufig die Beziehungsfähigkeit.
- Mangelnde Wahrnehmung von wirklicher Angst: Ersatzgefühle, wie Schüchternheit eben eines ist, verdecken regelmässig das darunter liegende Gefühl, also die Angst. Angst ist aber sehr wichtig, um vor wirklichen Gefahren gewarnt zu werden. Schüchterne Menschen leben deshalb unbewusst sehr gefährlich, da sie Mühe haben, Situationen angemessen einzuschätzen. Das führt zu unnötigen Missverständnissen und Konflikten, was dem Selbstvertrauen wiederum abträglich ist.
Schüchternheit kann also schnell in einem Teufelskreis münden, aus dem Betroffene häufig nicht so einfach wieder herausfinden und professionelle Hilfe brauchen. Als Eltern tun Sie deshalb gut daran, die Ängste Ihres Kindes von Geburt an ernst zu nehmen!

