
Wenn das Kind geboren wird, will es von seinen Eltern für sein blosses Dasein willkommen geheissen werden. Annehmen heisst, das Kind mit all seinen eigenen Eigenschaften und Fähigkeiten zu schätzen, also unabhängig davon, wie seine Persönlichkeit aussieht. Am besten geht das, wenn Sie davon ausgehen, dass das Kind bereits vollkommen zur Welt kommt und sich von selbst entwickelt.
Schwangerschaft und Geburt
Die Annahme des Kindes beginnt natürlich schon während der Schwangerschaft. Dabei geht es nicht nur darum, dass Sie sich auf das Elternwerden freuen, sondern auch die Einstellung entwickeln, dass Sie die kommenden Aufgaben zusammen mit dem Kind meistern können. Wohl wird Ihr Kind Ihre volle Aufmerksamkeit fordern und einen Grossteil Ihrer Zeit in Anspruch nehmen. Doch dürfen Sie davon ausgehen, dass Ihr Kind
- erstens nur das von Ihnen verlangt, was Sie tatsächlich leisten können, und dass es
- zweitens genau die Fähigkeiten mitbringt, die es für sein Leben braucht.
Am besten verdeutlicht diese Ausgangslage das Wort kooperativ: Das Kind ist bei der Geburt zwar komplett von seinen Eltern abhängig und seine Grundbedürfnisse müssen immer und sofort befriedigt werden. Es hat aber auch einen enorm starken Lebenswillen und tut alles für seine Selbständigkeit!
Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)
Diese Haltung ist vor allem in der ersten Phase, das heisst der Vertrauensbildung, entscheidend. Das bedingungslose „Ja“ zum Kind stärkt sein Selbstvertrauen. In der Regel fällt es Eltern leicht, ihre Kinder anzunehmen, wenn sie freudig lächelnd daherkommen. Schwieriger wird es, wenn dem Kind etwas fehlt und es sich bloss durch Schreien mitteilen kann. Wichtig ist in diesem Moment, dass Sie sich im Klaren sind, dass es in diesem Alter immer (!) um seine Grundbedürfnisse geht. Das Kind schreit also nicht etwa, weil es Sie manipulieren wollte, sondern weil es etwas von Ihnen benötigt, das es sich nicht selbst geben kann. Grundbedürfnisse ertragen keinen Aufschub, das heisst, Sie sollten in dieser Phase möglichst immer sofort reagieren, wenn das Kind Hunger hat, gehalten werden will oder sonst etwas braucht. Nur dann fühlt sich das Kind von Ihnen angenommen und in seinem Vertrauen in die Eltern bestärkt.
Annehmen bedeutet auch, dass Sie das Kind selbst bestimmen lassen, welcher Zeitpunkt richtig ist. Das gilt zum Beispiel für das Spiel zwischen Nähe und Distanz: Kinder brauchen zwar viele Liebkosungen, aber eben nur genau dann, wenn sie Lust dazu haben. Die Grenzen des Kindes können sehr subtil sein – und müssen gerade deshalb von den Eltern genau beobachtet werden, ansonsten schnell eine „Zwangsbeglückung“ droht.
Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)
Wenn das Kind begbeginnt,inen Willen zu entwickeln, also etwa im dritten Lebensjahr, kommt der Akzeptanz des Kindes durch eine Eltern eine neue Bedeutung zu. Während das Kind zuvor so ziemlich alles angenommen hat, was von seinen Eltern kam, sucht es nun plötzlich den Widerspruch und sagt, „Nein!“ oder „Ich will!“. Das ist erstens ein Zeichen der gesunden Entwicklung und sollten Sie zweitens respektieren. Respekt heisst allerdings nicht, dass Sie immer noch zu allem „Ja“ sagen sollen, sondern dass Sie auch die Konfrontation annehmen, das heisst angemessen reagieren, wenn das Kind trotzt. Nur so kann das Kind auch Grenzen erfahren und damit seinen Willen gewissermassen kultivieren. Denn mit Konfrontation schaffen Sie Kontakt und somit Beziehung. Wenn das Kind Sie zum Beispiel plötzlich zu treten beginnt, müssen Sie erstens mit einem laut und deutlich ausgesprochenen „Nein!“ reagieren und zweitens, wenn das noch nicht genützt hat, Widerstand leisten, indem Sie ihm zum Beispiel Ihren Schuh so hinhalten, dass es seinen eigenen Schlag spürt (keinesfalls dürfen Sie einfach zurückschlagen!).
Annehmen heisst also in diesem Alter, sich auf die Konfrontation und die Auseinandersetzung einzulassen. Dabei wird es, gerade am Anfang, da Sie noch nicht so geübt im Umgang mit den Tobsuchtsanfällen Ihres Kindes sind, häufig „hart auf hart“ zu und hergehen. Davor dürfen Sie sich nicht scheuen, denn schlimmer als einmal zu hart zu reagieren, ist zehnmal zu weich! Wenn das Kind aber erst einmal erfahren hat, dass es zwar seinen eigenen Willen haben darf, aber auch auf die Bedürfnisse seiner Umwelt achten muss, wird es bereit sein, mit Ihnen Regeln zu vereinbaren. Dafür sind Kinder ausgesprochen kooperativ! Nehmen Sie die Vorschläge Ihres Kindes auf und suchen Sie mit ihm gemeinsam nach einer Lösung, wie der Konflikt in Zukunft gelöst werden kann.
Sozialisation bis Pubertät (etwa 4 bis 16 Jahre)
Nach diesen beiden, alles entscheidenden Phasen der Erziehung sollten Sie gelernt haben, die Einmaligkeit und vor allem die Andersartigkeit Ihres Kindes akzeptieren zu können. Je besser Sie das können, desto weniger Anlass hat das Kind, sich von Ihnen übermässig abgrenzen zu müssen. Das ist gerade in der Pubertät sehr hilfreich, wenn Jugendliche auf der Suche nach ihrer eigenen Identität sind: Wenn sie dann noch das Gefühl haben, sie seien bloss kleine Ausgaben ihrer Eltern, werden sie sich mit aller Gewalt (und entsprechendem Risiko) davon distanzieren wollen.
Je mehr Sie also zuvor gelernt haben, dem Kind seine eigene Persönlichkeit zu lassen, desto entspannter und gelassener können Sie und der Jugendliche diese Phase angehen!


