Bedeutung für die Erziehung

"Wer Geduld hat und kann warten, dem blühen die Rosen im Garten." Es gibt kaum ein schöneres Sprichwort, um eine der wichtigsten Erziehungskompetenzen zu beschreiben. In einer Zeit, da alles möglichst schnell und unmittelbar geschehen soll, wird Warten können je länger desto schwieriger. Gerade für Eltern, die bereits mitten im hektischen Berufsleben stehen, kann Kindererziehung eine Art Entschleunigung bedeuten.

^ nach oben

Schwangerschaft und Geburt

Der deutsche Ausdruck "in Erwartung sein" ist eine sehr sinnige Bezeichnung für die Zeit der Schwangerschaft: Die Eltern müssen einfach warten, bis es so weite ist. Im Idealfall kann das Kind den Zeitpunkt der Geburt selbst bestimmen, also unabhängig vom Terminkalender der Geburtsklinik. Wenn Ihnen eine möglichst natürliche Geburt wichtig ist, sollten Sie sich frühzeitig ein Umfeld suchen, in dem Sie genügend Vertrauen spüren.

^ nach oben

Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Helfen

Menschenkinder sind nach der Geburt vollständig von ihren Eltern abhängig, sie könnten ohne deren Obhut nicht überleben. Es ist deshalb selbstverständlich, dass Sie dem Kind immer helfen, wo dies nötig ist. Wichtig ist aber, dass Sie so lange warten können, bis Sie sich sicher sind, dass das Kind Ihre Hilfe auch wirklich benötigt. Fragen Sie deshalb das Kind schon bevor es zu sprechen beginnt, ob Sie ihm helfen sollen. Schon das Kleinkind wird sich nämlich sehr bald durch Mimik und später auch durch Gestik ausdrücken können und Ihnen zeigen, ob Sie ihm helfen sollen. Zumindest spürt es, ob Sie seinen (noch schlummernden) Fähigkeiten vertrauen, ihm also zumuten, mit jedem Tag etwas selbständiger zu werden.

^ nach oben

Lernen

Eines der grössten Missverständnisse in der Erziehungsarbeit ist die Meinung, dass Kinder lernen müssten. Kinder lernen nämlich von alleine, und es ist nicht etwa eine Pflicht, sondern ein Recht. Das sollte zumindest in den ersten vier Jahren unbedingt gelten. Kinder lernen in erster Linie durch Ausprobieren, Erfahrungen und Nachahmen der Eltern, die sie zum Vorbild nehmen. Als Eltern sollten Sie also vor allem lernen zu warten, bis das Kind von sich aus lernt, wozu es gerade Lust hat. Denn das Kind lernt immer genau das, was es gerade für seine Entwicklung braucht. Vergessen Sie deshalb am besten gleich alle Entwicklungstabellen, die ja zwangsläufig immer auf Durchschnittswerten beruhen, während jedes Kind einmalig ist. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob das Kind zuerst sprechen lernt, Scherenschnitte schneiden oder Rollbrett fahren lernt. Hauptsache, es darf in den ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung nach dem Lustprinzip lernen, ansonsten es seine von Natur aus gegebene Lernfreude auch sehr schnell verlieren kann. Warten Sie also immer ab, was das Kind von sich aus als nächstes ausprobieren will und freuen Sie sich mit ihm darüber! Kinder müssen im übrigen auch nicht zum Lernen motiviert werden. Als Eltern müssen Sie lediglich dem Kind die Freude am Lernen belassen, indem Sie es möglichst alles selbst tun lassen und warten können, bis es allenfalls von sich aus nach Unterstützung fragt. Erst mit der Sozialisation, also dem Eintritt in die (Vor)Schule, ist schon aus organisatorischen Gründen eine gewisse Harmonisierung der Lernschritte in Form von Lehrplänen meistens unumgänglich.

^ nach oben

Trennung

Die Entwicklung des Kindes kann auch als einziger Ablösungsprozess betrachtet werden, beginnend mit der Geburt, als es den wohligen Mutterleib mit "Rundumversorgung" verliess beziehungsweise verlassen musste. Trennung ist für das Kind denn auch eine absolut elementare und gewissermassen vertraute Erfahrung. Allerdings ist es entscheidend, dass das Kind den Zeitpunkt der Trennung möglichst selbst bestimmen kann, sei es, wenn es schlafen geht, sei es, wenn es sich von den Eltern in der KITA verabschieden soll. Als Eltern müssen Sie deshalb warten können, um den richtigen Zeitpunkt, da das Kind zur Trennung bereit ist, zu erwischen. Das können Sie schon sehr früh üben, indem Sie zum Beispiel aufmerksam sind, wenn Sie das Kind jemanden anderen zum Halten in die Arme legen: Ist das Kind wirklich bereit dazu oder sträubt es sich, indem es sich zum Beispiel verkrampft? Warten Sie und lassen Sie ihm Zeit. Mit der Zeit werden Sie ein Gespür dafür entwickeln, wann der richtige Zeitpunkt für die Trennung gekommen ist. Dann müssen Sie nur noch selbst sofort loslassen können (und allenfalls auf den Abschiedskuss verzichten), ansonsten Sie womöglich wieder von vorne beginnen!

^ nach oben

Trost

Kinder erleben gerade in den ersten Jahren laufend kleinere und grössere Unglücke, die sie zum schreien bringen. Für Sie als Eltern gibt es darauf nur eine Antwort: sofortiger und bedingungsloser Trost. Trost spenden heisst in erster Linie, das Kind halten, mitfühlen und eben warten. Warten Sie, bis sich das Kind ganz ausgeweint hat. In der Regel braucht es danach weiter gar nichts, jedenfalls keine Erklärungen und schon gar Vorwürfe für sein Missgeschick. Aber als Eltern müssen Sie den Schmerz oder die Trauer des Kindes (und natürlich das damit verbundene Schreien) aushalten können.

^ nach oben

Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Wenn das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln beginnt, in der Regel ab etwa im dritten Lebensjahr, und Sie ihm auch angemessen Grenzen setzen müssen, wird es anfangs auch das eine oder andere Mal toben, wenn es Ihren Widerstand spürt. Das ist lediglich ein Zeichen seiner gesunden Entwicklung. Wichtig dabei ist aber, dass Sie so lange bei ihm warten (und schweigen!) können, bis sich das Kind ausgetobt hat. Warten Sie mit einem gewissen Wohlwollen (und nicht etwa mit Verachtung), das heisst im Bewusstsein, dass das Kind Sie in diesem Moment braucht, dass es spürt, dass Sie wortwörtlich zu ihm stehen. Das Kind muss erfahren können, dass es zwar seinen Willen haben darf, dieser aber an Grenzen stossen kann. Und vor allem: dass es "trotzdem" von seinen Eltern geliebt wird. Ausharren ist nicht einfach, denn es ist mehr als warten: Sie müssen zum Beispiel nebst dem Geschrei auch noch vorwurfsvolle Blicke der Umwelt aushalten können. Denken Sie einfach daran, dass Sie dies alles für Ihr geliebtes Kind tun und dass Sie lernen können, auf solche „Tobsuchtsanfälle“ angemessen zu reagieren.

^ nach oben

Weiterführende Themen

^ nach oben

Übergeordnetes Prinzip

Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)

^ nach oben

Fragen und Feedback

Das "Zweimalzwei der Erziehung" ist zum Teil noch im Aufbau. Allfällige Fragen oder Feedback sind willkommen: Email


^ nach oben