Vertrösten bedeutet, die Befriedigung der Bedürfnisse des Kindes auf später zu verschieben. Das ist vor allem für Grundbedürfnisse des Kindes während der Phase der Vertrauensbildung höchst problematisch, denn das Kind kann in diesem Alter noch nicht warten, da es noch voll und ganz im Hier und Jetzt lebt. Wenn Sie dem Kind aus irgendeinem Grund nicht sofort helfen können, braucht es zumindest Ihren bedingungslosen Trost.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Während der Phase der Vertrauensbildung hat das Kind ausschliesslich Grundbedürfnisse, das heisst Bedürfnisse, die sofort und bedingungslos befriedigt werden sollten. Es kann in diesem Alter nicht warten, da es noch keine Vorstellung einer Zukunft hat. Spätestens wenn das Kind schreit, müssen Sie deshalb möglichst immer und sofort reagieren. Es ist keine Frage der Geduld oder des guten Willens, ob ein hungriges Kind warten kann: es ist dazu schlicht noch nicht fähig. Wenn Sie ihm sagen, es solle doch noch ein wenig warten, kann es das nicht verstehen, es ist mit Ihrer Aufforderung schlicht überfordert. Als Mutter sollten Sie sich deshalb möglichst so einrichten, dass Sie das Kind überall und jederzeit stillen können (und als Vater können Sie die Mutter darin unterstützen).

Nun bringt es gerade das moderne Leben natürlich mit sich, dass Sie nicht immer und sofort zur Stelle sein können, wenn dem Kind etwas fehlt, weil Sie zum Beispiel auswärts arbeiten müssen oder zuerst noch kochen müssen. Beginnt das Kind deswegen zu schreien, braucht es zumindest Trost, bedingungslos und sofort, das hilft immer! Vertrösten Sie es nicht etwa mit Süssigkeiten oder Versprechungen für die Zukunft. Es braucht nichts anderes als Ihre persönliche Zuwendung. Das alltägliche Leben bereitet dem Kleinkind immer wieder manche Unbill, vom verlorenen Schnuller über den zu heissen Brei bis zum liebgewonnenen Grossvater, dessen Besuch zu Ende geht, auf die es häufig mit Trauer oder Angst reagiert. Diese Reaktionen sind fast immer existenziell, das heisst, für das Kind geht in diesem Moment um alles oder nichts. Verharmlosungen ("Das ist doch nicht so schlimm!") helfen dem Kind nichts, sind ganz im Gegenteil ausgesprochen kontraproduktiv. Das Kind braucht einzig wirklichen Trost, der alles gleich wieder vergessen macht.

Eine besondere Form der Vertröstung kann Spielzeug darstellen, wenn damit das Kind vom elterlichen Alltag ferngehalten werden soll. Kinder lernen insbesondere durch Nachahmung, sie wollen deshalb zum Beispiel beim Kochen dabei sein und "mithelfen". Überlegen Sie sich deshalb immer zuerst, wie Sie das Kind miteinbeziehen können, indem Sie ihm irgendein Gefäss zum "selber kochen" geben, bevor Sie ihm einfach einen Spielkochherd kaufen und es zum Spielen fortschicken, weil Sie sich sonst gestört fühlen.

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Wenn das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, wird es auch Forderungen stellen und Wünsche entwickeln, die weit über seine Grundbedürfnisse hinausgehen. Es verlangt dann zum Beispiel Süssigkeiten, die Sie ihm (aus welchen Gründen auch immer) nicht einfach bedingungslos geben wollen. Dann müssen Sie "Nein!" sagen und konsequent dabei bleiben. Vertrösten Sie das Kind nicht auf den nächsten Tag oder damit, dass es für den "Verzicht" etwas anderes bekäme. Es braucht nun auch klare Grenzen, ohne "Wenn und Aber".

Ausgesprochen kontraproduktiv ist das leider weiter verbreitete Vertrösten des Kindes mit Unterhaltungselektronik. Zwar können Kinder damit kurzfristig abgelenkt werden, doch ist die Wirkung durchaus vergleichbar mit jener von Drogen. Erstens braucht das so vertröstete Kind je länger desto mehr Ablenkung und zweitens sind die Nebenwirkungen fatal. Gerade bewegte Bilder stellen in diesem Alter eine Reizüberflutung dar, die auf Dauer sowohl die natürliche Konzentrationsfähigkeit als auch die Geduld nachhaltig beeinträchtigen können.

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Mögliche Folgen von Vertröstungen

Je nach Persönlichkeit reagiert jedes Kind anders, wenn es immer wieder bloss vertröstet statt wirklich getröstet wird. Typischerweise entwickelt es aber Ersatzgefühle für seine Trauer. Mögliche Reaktionen sind zum Beispiel:

Weinerlichkeit

Vertrösten ist eine Art halbherziger Trost: Zwar wird das Kind möglicherweise von seiner Trauer abgelenkt, aber die Trauer an sich bleibt und meldet sich denn auch immer wieder zurück und statt sich das Kind einmal, dafür richtig, ausweinen kann, wird es immer wieder mit den Tränen kämpfen. Das weinerliche Kind beklagt sich immer wieder über das Gleiche und die Eltern fühlen sich womöglich mehr und mehr genervt, sodass schnell ein Teufelskreis entsteht.

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Idealisierung

Wenn das Vertrauen des Kindes, dass ihm zuverlässig geholfen wird, von seinen Eltern nicht bestätigt wird, beginnt es irgendwann sich vorzustellen, wie es eigentlich sein müsste. Aus diesen Vorstellungen können sich Idealisierungen bilden: Das Kind schwärmt dann zum Beispiel von seinem wunderbaren Vater, der allerdings gar nie anwesend war. Später treten häufig Idole anstelle der Eltern, die verehrt werden. Im Extremfall geht das Bewusstsein darum verloren, dass Idole eben bloss Idole sind und nichts mit realen Beziehungen zu tun haben. Das wird dann spätestens im Erwachsenenalter in der Beziehung zu Partnern problematisch, da auch bei diesen das gesucht wird, was dem Kind damals nicht gegeben werden konnte. Die Folge sind Projektionen und entsprechende Enttäuschungen, da die Partner eben auch nicht ideal sind und nicht immer allen Vorstellungen und Wünschen gerecht werden können.

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Willensschwäche

Erfährt das Kind in der Phase der Willensbildung zu wenig Widerstand und wird stattdessen einfach vertröstet, kann das zu Willensschwäche führen. Wenn es zum Beispiel ein Spielzeug will und Sie ihm immer wieder sagen, dass es das dann schon später einmal bekäme, obwohl Sie eigentlich wissen, dass Sie ihm das gar nicht schenken wollen, wird es seinen Willen als nutzlos erfahren. Sie sollten in solchen Fällen besser die Konfrontation annehmen, klar "Nein!" sagen und lernen, angemessen auf allfälliges Toben zu reagieren.

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Frustration

Vor allem, wenn Vertröstungen auch noch mit leeren Versprechungen oder gar Drohungen verbunden werden, kann das für das Kind frustrierend wirken. Sein Wille schiesst dann gewissermassen ins Leere, statt dass er auf Widerstand stösst und dadurch geformt werden kann. Entsprechend sinkt seine Frustrationstoleranz und das Kind hat schnell Mühe mit Misserfolgen und schreckt vor Herausforderungen zurück.

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Resignation

Im Extremfall kann ewiges Vertröstet werden zu Resignation führen. Vertrösten bedeutet immer, die wirklichen Bedürfnisse und Gefühle des Kindes zu ignorieren, oder doch bloss halbherzig zu beachten. Ignoriert werden kann vom Kind durchaus als eine Form der Gewalt empfunden werden. Das eigentlich Gefährliche an der Resignation ist, dass der Wille nicht etwa einfach verschwindet, sondern er verkümmert gewissermassen im Keller des Bewusstseins und dringt früher oder später unkontrolliert durch, sodass sich aus der an sich gesunden Wut nur allzu gerne Ersatzgefühle wie Ärger oder gar Hass entwickeln, die entsprechend destruktiv wirken.

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Sucht

Unbefriedigte Grundbedürfnisse des Kindes sind schliesslich der eigentliche Nährboden für späteres, süchtiges Verhalten: Der Mensch sucht nach dem, von dem er weiss, dass er eigentlich einen Anspruch darauf hätte beziehungsweise eben damals als Kleinkind einen Anspruch hatte. Die Ersatzbefriedigung besteht dann häufig in Form von Drogenkonsum. Drogen, ob legale oder illegale spielt keine Rolle, werden gerne, aber meistens unbewusst, aus dem Bedürfnis nach Trost eingenommen. Süssigkeiten können deshalb niemals den wirklichen Trost ersetzen.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnetes Prinzip

Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)

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Fragen und Feedback

Das "Zweimalzwei der Erziehung" ist zum Teil noch im Aufbau. Allfällige Fragen oder Feedback sind willkommen: Email


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