Gefühle der Kinder müssen ernst genommen werden, ansonsten das Vertrauen in ihre Eltern beeinträchtigt wird. Wenn Eltern Mühe habe, mit den Gefühlen ihrer Kinder umzugehen, kommen sie gerne in Versuchung, diese einfach zu verharmlosen, was sich kontraproduktiv auswirkt. Auf die tägliche Unbill im Leben eines Kindes gibt es nur eine Antwort: Trost und Versöhnung. Kinder leben in den ersten Jahren noch voll im Hier und Jetzt. Ihre Gefühlslage ist denn auch immer absolut und existenziell. Das heisst zum Beispiel, dass sie entweder freudig oder traurig sind, dazwischen gibt es nichts und es gibt auch noch keine Vorstellung davon, dass sich das je wieder ändern könnte. Verharmlosen, vertrösten oder sonstige Relativierungen helfen deshalb nichts!

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Situationen

Schmerz

Wenn einem Kleinkind etwas weht tut, beginnt es sofort zu schreien und zwar aus vollen Kräften. Denn für ein Kind in den ersten Jahren ist der Schmerz immer allumfassend. Es gibt dann nichts anderes mehr, es kann weder Ihren Erklärungen zuhören, noch Ihren Versprechen, dass alles wieder vorbei gehen würde. Mit verstandesmässigen Äusserungen ist es noch schlicht überfordert. Einzig Ihr Trost kann helfen: Bleiben Sie ruhig, nehmen Sie Ihr Kind in die Arme und warten Sie, bis es sich ausweinen konnte. Das hilft immer. Und schon ist alles vorbei. Wenn Sie ihm hingegen zum Beispiel erklären wollen, dass das aufgeschürfte Knie gar nicht so schlimm sei und bald wieder vorbei sei, wird es das in seinem Leid weder verstehen können, noch wird es sich von Ihnen angenommen fühlen, sodass es womöglich noch mehr zu schreien beginnt, um endlich das zu bekomme, was es wirklich braucht, nämlich Trost.

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Verlust

Für Kinder kann auch der Verlust von scheinbar völlig nichtigen Dingen gravierend sein. Wenn dem Kind zum Beispiel ein Ast, mit dem es spielt, in den Bach fällt und davon schwimmt, kann das im Moment grösste Trauer auslösen, auch wenn gleich nebenan noch viele andere, grössere und schönere Äste herumliegen. In diesem Moment braucht das Kind nichts anderes als Ihren wirklichen Trost. Vertrösten Sie es nicht einfach mit dem nächstbesten Ast oder gar mit Süssigkeiten, sondern warten Sie, bis es sich in aller Ruhe in Ihren Armen ausweinen konnte. Erst wenn es sich wieder ganz beruhigt hat, können Sie ihm vorschlagen, einen anderen Ast zu suchen. Gut möglich, dass es dann schon keinen mehr braucht und sich wieder etwas anderem zuwendet. Wenn Sie hingegen gleich mit einem Ersatz daherkommen, ignorieren Sie damit seine Gefühle. Im besten Fall wird es dagegen protestieren, während es sich im schlechteren Fall tatsächlich ablenken lässt. Seine Trauer ist damit aber nicht etwa weg, sondern womöglich bloss betäubt.

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Trennung

Ähnliches wie beim Verlust von Dingen ist bei der Trennung von Menschen zu beobachten. Kindern fehlt anfangs noch die Vorstellung einer Zukunft, sodass sie eine Trennung zunächst einmal immer als endgültig empfinden. Entsprechend gross kann ihre Trauer (oder auch Wut) sein, wenn Sie es verlassen. Dabei geht es immer um das Verlassen werden an sich, also unabhängig vom Grund dazu oder der der Dauer bis zum Wiedersehen. Es macht denn auch keinen Sinn, wenn Sie dem Kind sagen, "Das ist doch nicht so schlimm!". Für das Kind ist es eben schlimm und das müssen Sie unbedingt ernst nehmen. Ist die Trennung unumgänglich, wenn sich der Besuch zum Beispiel verabschiedet, braucht das Kind Trost. Wenn es darum geht, dass Sie sich als Eltern vom Kind trennen wollen, braucht es vor allem Zeit und Übung: Das Kind muss immer wieder erfahren können, dass Sie wiederkommen. Sobald es dieses Regelmässigkeit verstanden hat, kann es viel einfacher loslassen. Sie können das übrigens schon ganz früh mit Verstecken spielen üben. Und auch beim Schlafen gehen, erfährt das Kind diese Regelmässigkeit.

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Misserfolg

Sobald das Kind seinen Willen entwickelt hat, wird es auch eigentliche Ziele anpeilen, wie zum Beispiel den Übertritt in eine (höhere) Schule oder die Aufnahme in eine (stärkere) Sportmannschaft. Aber auch wenn es schon ein gesundes Selbstvertrauen und einen gut entwickelten Willen hat, wird ihm nicht alles glücken, zumindest nicht immer auf Anhieb. Solche Misserfolge können für Kinder ziemlich existenziell wirken, da Kinder noch nicht in Alternativen denken, sondern sich immer voll und ganz für etwas Bestimmtes einsetzen. Die Trauer, oder auch die Wut, können entsprechend gross sein. Als Eltern wissen Sie natürlich, dass im Leben immer wieder eine nächste Chance kommt und ein Misserfolg auch ein Zeichen dafür sein kann, dass man besser einen anderen Weg einschlagen sollte. Dieses Wissen sollte Ihnen die Gelassenheit geben zu warten, statt gleich in Vertröstungen oder Verharmlosungen zu verfallen ("Du hättest Dich dort sowieso nicht wohlgefühlt!"). Kinder können nämlich sehr gut mit Misserfolgen umgehen, allerdings brauchen sie eine gewisse Zeit um zu "verdauen". Geben Sie dem Kind also diese Zeit und warten Sie, bis es von sich aus die Situation einzuordnen beginnt. Sie werden dabei immer wieder staunen, mit welchen Strategien Kinder nach neuen Wegen suchen und diese auch finden. Bedenken Sie schliesslich, dass Misserfolge nur dann quälend sein können, wenn sich der Mensch nicht voll und ganz für den Erfolg eingesetzt hat, sich also nachträglich den Vorwurf machen muss, dass es vielleicht gereicht hätte, wenn er da oder dort noch mehr gegeben hätte. Kinder aber geben von Natur aus immer alles! Das sollten Sie anerkennen und bereit sein, das Kind zu ermuntern, wenn es wieder Neues in Angriff nimmt.

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Enttäuschung

Zumindest am Anfang ihres Lebens haben Kinder noch ein vollkommenes Vertrauen in ihre Eltern und in das Leben überhaupt. Sie gehen davon aus, dass Sie ihnen immer und sofort helfen, wenn etwas fehlt, dass Sie nur das Beste für sie tun und ihnen überhaupt alles gegen können, was für ihr Glück auf dieser Welt nötig ist. Dieses Vertrauen muss zwangsläufig irgendwann enttäuscht werden, können doch Eltern, so sehr sie sich auch bemühen, niemals perfekt sein (und sollen es davon abgesehen auch gar nicht!). Und auch die Katze mit dem zarten Fell kann plötzlich "böse" werden, wenn ihr die kindlichen Streicheleinheiten zu viel werden und sie davonrennt. Solche Enttäuschungen gehören zum Leben und Kinder müssen sie schon früh erfahren. Verharmlosen sollen Sie sie deswegen aber nicht ("Musst doch nicht traurig sein, die Katze kommt ja wieder!"). Kinder können nämlich sehr wohl damit umgehen, wenn sie nur getröstet werden.

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Mögliche Folgen

Wenn Sie die Gefühle nicht ernst nehmen, wird sich das Kind nicht mehr voll angenommen fühlen. Vor allem in den ersten Jahren der Vertrauensbildung handelt das Kind noch weitgehend gefühlsmässig, also nach seinem Gespür, während sich sein Verstand erst nach und nach bildet. Das Gespür ist aber ebenso wichtig für kluges Handeln und Entscheiden wie der Verstand und im Idealfall kann der Mensch beide Funktionen in Einklang bringen. Verharmlosungen beeinträchtigen also vor allem das Gespür des Kindes, was langfristig sowohl seine Fähigkeit für stimmige Entscheidungen als auch sein Verantwortungsgefühl für diese mindert.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnetes Prinzip

Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)

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Fragen und Feedback

Das "Zweimalzwei der Erziehung" ist zum Teil noch im Aufbau. Allfällige Fragen oder Feedback sind willkommen: Email


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