Bedeutung für die Erziehung

Kinder entwickeln sich immer ganz unterschiedlich und das Interesse, sie mit anderen zu vergleichen, ist daher verständlich. Allerdings sollten die Beobachtungen mehr aus Interesse an der individuellen Persönlichkeit jedes einzelnen Kindes gesehen werden und weniger aus einem Wettbewerbsdenken. Denn im Vordergrund sollte immer die möglichst vollständige Entfaltung des menschlichen Potentials des einzelnen Individuums stehen.

Fähigkeiten des Kindes

Zwar gibt es Entwicklungstabellen, die angeben, in welchem Rahmen sich ein Kind durchschnittlich entwickelt. Das mag aus wissenschaftlicher Sicht sehr interessant sein. Allerdings sollten Sie sich als Eltern bewusst sein, dass kein Kind durchschnittlich ist. Vielmehr hat jedes Kind ganz individuelle Fähigkeiten, die es zudem nach seinem ganz eigenen Plan - man könnte es auch Schicksal nennen - und auch noch ganz von selbst entwickeln wird. So lernt das eine zuerst laufen, während das andere zuerst zu sprechen beginnt. Und jedes Kind bestimmt ganz alleine, wann es welche seiner Fähigkeiten braucht und entdeckt. Als Eltern können Sie einfach dem Kind zu vertrauen, dass es selbst am besten weiss, wann es was braucht. Denn aus diesem Vertrauen der Eltern schöpft das Kind wiederum sein Selbstvertrauen. Kinder wollen also nicht mit anderen verglichen werden, sondern für das beachtet und geschätzt werden, was sie selbst sind und können.

Das gilt zumindest für die beiden ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung. Sobald das Kind in die Schule eintritt, ändert sich das insofern, als dass die meisten Schulen nur noch bedingt auf die individuellen Vorlieben der Kinder Rücksicht nehmen können, müssen sie sich doch vielmehr an einen Lehrplan halten, um am Ende der Ausbildung die Leistungen messen und vergleichen zu können. Interessanterweise können aber die meisten Kinder damit ohne weiteres umgehen, wenn sie zuvor von ihren Eltern für ihre individuellen Leistungen beachtet und bestätigt wurden. Denn dadurch haben sie bereits ein Mindestmass an Frustrationstoleranz aufgebaut und können auch mit Lehrstoff umgehen, der ihren Bedürfnissen weniger entspricht.

Mit der Sozialisation werden sich Kinder von sich aus mit ihren Geschwistern und Kameraden vergleichen und miteinander wetteifern, zunächst beim Spielen, später auch beim Sport. Das gehört selbstverständlich zum Streben nach Erwachsenwerden und ist auch gesund. Als Eltern sollten Sie aber Ihr Kind trotzdem immer für das anerkennen, was es gerade ist. Und falls es sich beklagt, dass seine Kameraden schon zu diesem oder jenem fähig seien, können Sie es darauf aufmerksam machen, dass es dafür etwas anderes besser kann. Entscheidend ist in jedem Fall, dass Sie ihm vermitteln, dass Sie es immer so lieben, wie es ist, ganz gleich welche Auszeichnungen es erhält. Nur wenn Sie spüren, dass es vielleicht den Ehrgeiz zu etwas hat, sich aber nicht zutraut, es zu erreichen, können Sie es ermuntern, indem Sie ihm zum Beispiel vorschlagen, zusammen zu üben.

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Verhalten des Kindes

Besonders heikel ist es, wenn Eltern unerwünschtes Verhalten des Kindes mit dem anderer vergleichen und es ihm womöglich noch vorwerfen ("Schau mal, wie der Felix seine Schuhe schön verräumt!"). Denn für die Einhaltung von Regeln ist nicht etwa das Kind verantwortlich, sondern die Eltern! Es gibt auch keine schwierigen Kinder, es gibt bloss eine ganze Reihe von möglichen Erziehungsfehlern, denen Sie allenfalls nachgehen sollten.

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Austausch über Erziehungsfragen

Wenn Sie das Bedürfnis haben, sich zum Beispiel mit anderen Eltern über die Kinder beziehungsweise die Erziehung auszutauschen (Metaebene), sollten Sie zwei Punkte beachten. Erstens sollte es dabei um Ihr Verhalten als Eltern in Erziehungsfragen gehen, also weniger um die Fähigkeiten und das Verhalten des Kindes, und zweitens gilt es das unbedingt in Abwesenheit des Kindes zu tun. Denn kein Mensch mag es, wenn über ihn in seiner Anwesenheit gesprochen wird, das gilt für Kinder genauso wie für Erwachsene!

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Mögliche Folgen

Wenn ein Kind immer wieder mit anderen verglichen wird, wird es sich in seiner Individualität früher oder später zu wenig angenommen fühlen und je nach seiner Persönlichkeit unterschiedlich reagieren:

  • Minderwertigkeitsgefühle: Kinder fühlen sich von Natur aus so, wie sie sind, vollwertig. Da sie aber zumindest anfangs vollkommen ihren Eltern vertrauen, können sie an ihrer Vollkommenheit zu zweifeln beginnen, wenn sie immer wieder hören, dass eigentlich etwas anderes von ihnen erwartet wird, als das, was sie sind. Die Folge können dann Minderwertigkeitsgefühle sein.
  • Überanpassung: Eine andere Strategie von Kindern, die spüren, dass sie nicht den Erwartungen ihre Eltern entsprechen, ist Überanpassung, das heisst sie überlegen sich immer zuerst, wie sich verhalten sollen, um den Eltern möglichst zu gefallen.
  • Übertriebener Ehrgeiz: Kinder lieben an sich Herausforderungen, sie ermöglichen ihnen ihren Willen konstruktiv einzusetzen. Das kann von Eltern sehr leicht missbraucht werden, indem sie zum Beispiel nach dem Motto Zuckerbrot und Peitsche das Kind belohnen beziehungsweise tadeln. Dem Ehrgeiz wird dann etwas Verbissenes anhaften.
  • Scham: Werden Kinder von ihren Eltern auch noch belächelt oder gar verspottet, weil ihnen etwas misslingt, was andere "schon längst können", können leicht Minderwertigkeitsgefühle oder Schamgefühle entstehen.
  • Resignation: Kinder brauchen die Bestätigung ihrer Eltern für das, was ihnen gelingt und Trost für das, was ihnen misslingt. Fehlt ihnen diese Aufmerksamkeit kann das zu Resignation führen.
  • Protest: Im besten Fall beginnen Kinder zu protestieren, vor allem wenn in ihrer Anwesenheit über sie gesprochen wird. Das sollten Sie unbedingt ernst nehmen und sich über ihre Ansichten über das Kind wenigstens in dessen Abwesenheit austauschen.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnete Prinzipien

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Fragen und Feedback

Das "Zweimalzwei der Erziehung" ist zum Teil noch im Aufbau. Allfällige Fragen oder Feedback sind willkommen: Email


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