Verantwortung des Kindes

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Bedeutung für die Erziehung

Wenn das Kind zur Welt kommt, liegt die ganze Verantwortung für das Leben bei bei seinen Eltern. Doch wenn das Ziel der Erziehung Selbständigkeit und Beziehungsfähigkeit sein soll, müssen Sie die Verantwortung dem Kind so bald als möglich und nach und nach zurückzugeben. Im wesentlichen sollte dieser Prozess nach etwa vier Jahren abgeschlossen sein. Das heisst das Kind sollte dann so reif sein, dass es die Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung erkennen kann und so die Konsequenzen seines Tuns und Lassens tragen kann.

Gehen Sie davon aus, dass das Kind grundsätzlich alles, was es tut, selbst verantworten kann. Oder umgekehrt ausgedrückt: Das Kind tut von sich aus nur, was es auch selbst verantworten kann. Es gibt bloss wenige Gefahren, insbesondere Wasser und Maschinen aller Art, vor denen das Kind geschützt werden muss.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Das Thema Verantwortung beginnt schon bei der Niederkunft: Mutter und Kind müssen kooperieren, denn weder die Mutter noch das Kind könnten die Geburt allein vollbringen. Und auch beim Stillen arbeiten beide gemeinsam daran, dass es klappt. Die Eltern, insbesondere die Mutter, müssen dem Kind vertrauen, dass es leben will und schon allein deshalb die Verantwortung für seinen Entscheid übernimmt, sich aus der wohligen "Rundumversorgung" im Mutterleib zu verabschieden. Denn von nun an ist grösste Anstrengung gefordert, wenn es an der Mutterbrust gestillt werden will.

Von Natur aus trinkt das Kind genau so viel, wie es braucht. Und es schläft auch genau so lange, wie es für das Kind nötig ist. Die Verantwortung dafür dürfen Sie also ruhig Ihrem Kind überlassen. Es geht dabei nicht um viel oder wenig, sondern darum, dass Sie lernen, dem Kind mit seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten zu vertrauen.

Verantwortung beginnt schon im Kleinen und Praktischen, wenn es zum Beispiel darum geht, dass das Kind die Puppe oder ein Spielzeug irgendwohin mitnehmen will, während Sie schon ahnen, dass am Ende Sie die Ware wieder nach Hause schleppen sollen. Stellen Sie das Kind in einer solchen Situation vor die Wahl, ob es die Puppe mitnehmen will, diese aber auch wieder nach Hause tragen muss oder ob es sie doch besser zu Hause lassen will. Ein wunderbares Hilfsmittel ist der Rucksack, mit dem schon Kleinkinder sprichwörtliche Verantwortung übernehmen können. Lassen Sie das Kind ruhig mal ausprobieren, wieviel es tragen mag, sodass es beim nächsten Mal besser abschätzen kann, was es verantworten kann.

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Sobald das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, wird sein Aktionsradius um ein Vielfaches erweitert. Es wird dann zum Beispiel plötzlich den Ehrgeiz haben, den Baum bis zuoberst zu erklimmen oder sich im Kühlschrank selbst zu bedienen. Viele Kinder entwickeln auch eigentliche Allmachtsphantasien. Es liegt deshalb in Ihrer Verantwortung, dem Kind Grenzen zu setzen.

Wenn Sie Grenzen setzen und das Kind dadurch auf Widerstand stösst, wird es das in der Regel nicht einfach so ohne weiteres hinnehmen, sondern von Natur aus mit Wut oder sogar einem eigentlichen Tobsuchtsanfall reagieren. Als Eltern werden Sie da beim ersten Mal in der Regel "auf dem falschen Fuss" erwischt. Es ist deshalb hilfreich, zunächst einmal die Verantwortlichkeiten zu klären: Für die Grenze sind Sie als Eltern verantwortlich (Kinder bringen diese nicht einfach mit!), die Wut hingegen gehört dem Kind und es kann diese ohne weiteres verantworten - wenn Sie als Eltern bloss richtig darauf reagieren!

Um dem Kind Verantwortung zu übergeben, eignen sich vor allem Vereinbarungen, das heisst gegenseitige Abmachungen, bei denen das Kind die Regeln mitgestaltet und auch mitbestimmt, was die allfälligen Konsequenzen sind, wenn es einmal nicht klappen sollte. Schon allein die Verantwortung, die Sie dem Kind beim Mitentscheiden geben, garantiert, dass sich das Kind alle Mühe geben wird, die Vereinbarung in eigener Verantwortung einzuhalten!

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Sozialisation bis Pubertät (etwa 4 bis 16 Jahre)

Kommt das Kind in die (Vor)Schule, sollte es so reif sein, dass es auch ohne Eltern klar kommt, das heisst also, für sich selbst verantwortlich handelt. Das zeigt sich insbesondere daran, dass es mit seinen Kameraden konstruktiv spielen kann oder kleinere Streitigkeiten selbst lösen kann. Kinder können in diesem Alter untereinander selbst Regeln vereinbaren oder Rollen verteilen.

Voraussetzung ist, dass Sie als Eltern in den ersten vier Jahren gelernt haben, erstens dem Kind zu vertrauen, ihm also auch die Verantwortung zugetraut haben, und ihm zweitens Grenzen zu setzen, wenn es mit seinem Willen überbordet. Ob das Kind schon genügend reif ist, erkennen Sie zum Beispiel daran, ob es gemeinsam ausgehandelte Vereinbarungen ohne weitere Kontrollen Ihrerseits einhalten kann. Erweitern Sie zusammen mit dem Kind beziehungsweise dem Jugendlichen seine Freiheit immer weiter. Bestens geeignete Übungsfelder sind das Taschengeld, die Hausaufgaben oder der Ämtchenplan.

Schliesslich sollten Sie dem Jugendlichen auch die Berufswahl weitgehend selbst überlassen: Es ist nämlich weniger wichtig, was jemand als Erstausbildung in Angriff nimmt, als dass er selbst entscheidet. Denn nur was er selbst entscheidet, kann er auch selbst verantworten!

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Verantwortung für Erfolge

Die Entwicklung des Kindes ist ein einziger Lernprozess. Und alles, was dem Kind gelingt, ist sein Erfolg - und nicht etwa der Erfolg der Eltern oder gar der Lehrer! Als Eltern können Sie bloss einen Rahmen gestalten, der es dem Kind ermöglicht sich zu entwickeln. Alles andere bestimmt das Kind selbst. Insbesondere in den ersten, entscheidenden Jahren, sollte das Kind noch frei sein, das zu lernen, wozu es Lust hat und sich über das zu freuen, was es selbst als Erfolg betrachtet. Die (Vor)Schule und mit ihr die Lehrpläne kommen dann noch früh genug.

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Verantwortung für Missgeschicke

Sobald das Kind Dinge zu greifen oder sich zu bewegen beginnt, besteht natürlich auch immer die Möglichkeit, dass es sich damit weh tun kann. Das wird Sie am Anfang womöglich noch mehr schmerzen als das Kind selbst. Die Verantwortung für solche kleineren und grösseren Missgeschicke kann es aber ohne weiteres selbst tragen - vorausgesetzt es wird von Ihnen immer und sofort getröstet. Denn Kinder können, übrigens im Gegensatz zu den meisten Erwachsenen, bestens mit Schmerz und Trauer umgehen!

Sorgen Sie sich also nicht, wenn Ihre Kinder den Kopf an der Tischkante anschlagen, beim Springen stürzen oder der Turm mit den Bauklötzen einstürzt: Solche kleinen Missgeschicke sind für das Kind nötig, denn es lernt aus ihnen mehr, als wenn Sie es dauernd warnen und behüten wollen. Sorgen sollten Sie sich einzig darum, dass Sie das Kind wirklich trösten!

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Verantwortung für Gefahren

Überhaupt sind die ersten Jahre des Kindes ein einziger und riesiger Lernprozess, der nicht nur von Erfolgen gekrönt ist, sondern auch mit vielen kleineren und grösseren Gefahren gespickt ist. Das Kind lernt von sich aus aber immer nur das, was es selbst verantworten kann. "Von sich aus" heisst, dass das Kind selbst entscheiden darf, was es lernt. So kann es denn auch die Gefahr, wenn es zum Beispiel irgendwo selbst hochklettert, ohne weiteres einschätzen und verantworten. Wenn hingegen Sie das Kind hochheben (insbesondere auf den Wickeltisch!), wird es kein Gespür für die Gefahr haben: es verlässt sich auf Sie, da es Ihnen ja vollkommen vertraut. Die Verantwortung liegt in diesem Fall bei Ihnen.

Lassen Sie das Kind also möglichst alles selbst entscheiden - überlassen Sie ihm aber auch die entsprechende Verantwortung: Wenn Sie Ihrem Kind zum Beispiel erlauben, mit dem Gartenschlauch zu spielen, ist es auch dafür verantwortlich, dass es danach möglicherweise nasse Kleider hat. Beim ersten Mal, wenn es diesen Zusammenhang noch nicht erkennen kann, können Sie es natürlich davor warnen. Diese Warnung dürfte das Kind zwar kaum von der Versuchung abhalten, doch wird es danach nicht mehr mit der Erwartung auf Sie kommen, dass Sie sofort trockene Kleider bereit halten, sondern eben damit umgehen können, dass es gewisse Folgen für seinen Spass in Kauf nehmen muss (übrigens: von nassen Kleidern hat sich noch kein Kind erkältet!).

Umgekehrt ist es geradezu gefährlich, wenn Sie dem Kind die Verantwortung, die es eigentlich selbst tragen könnte, abnehmen. Das gilt vor allem für Bagatellgefahren, also Gefahren, die zwar zu ein paar Tränen, aber kaum zu (ernsthaften) Verletzungen führen können: Wenn das Kind auf schwierigem Terrain rennt und Ihren Rat aufzupassen nicht befolgt, müssen Sie auch mal in Kauf nehmen, dass es stürzt und sich die Haut aufschürft. Denn das Kind muss diesen Zusammenhang zumindest einmal (jenachdem auch mehrmals) erfahren haben, und zwar selbst! Es nützt gar nichts, wenn Sie es dem Kind mit Worten zu erklären versuchen, es muss es selbst erlebt haben. Es sind nämlich genau die Erfahrungen mit solchen Bagatellgefahren, die das Kind davor schützen, ernsthaftere Gefahren zu provozieren.

Das Kind muss also die Konsequenzen seines Tuns und Lassens erfahren können. Und wenn es schmerzt, braucht es zunächst Trost - und sonst gar nichts. Insbesondere helfen keine Vorwürfe, Drohungen oder gar Strafen. Das Kind muss zuerst getröstet werden. Erst wenn es sich beruhigt hat, können Sie ihm den Zusammenhang zwischen zu schnell rennen und stürzen erklären (meistens ist aber auch das nicht nötig, denn es hat ja es gerade selbst am eigenen Leib erfahren). Und schliesslich können Sie darauf vertrauen, dass es Ihren Rat beim nächsten Mal eher befolgt, da es gerade erfahren hat, dass das durchaus Sinn macht!

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Verantwortung für die Gesundheit

Als Eltern werden Sie normalerweise alles daran setzen, dass Ihr Kind gesund bleibt, von guter Ernährung über genügend Bewegung bis zur Körperpflege. Und sie werden es vermutlich umso mehr tun, je mehr Sie selbst im Alltag auf die eigene Gesundheit achten müssen. Trotzdem werden Sie eines Tages wohl oder übel feststellen müssen, dass Ihre Kinder immer wieder mal ziemlich fahrlässig mit ihrer Gesundheit umgehen. Das ist insofern normal, als sich der Mensch im allgemeinen leider immer erst dann zu kümmern beginnt, wenn es schon beinahe zu spät ist. So werden sich gesunde Kinder kaum je Gedanken darüber machen, dass ihre Gesundheit durch irgendetwas gefährdet sein könnte. Vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Erfahrungen mag das verantwortungslos aussehen, trotzdem müssen Sie auch diese Haltung irgendwann aufgeben und die Verantwortung dem Kind überlassen. In solchen Momenten sollten Sie sich einfach daran erinnern, was Sie in den ersten, entscheidenden Jahren Ihrer Erziehungsarbeit präventiv geleistet haben und sich darauf verlassen. Denn irgendwann werden sich die jungen Erwachsenen daran erinnern und sich der Problematik bewusst werden.

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Verantwortung für die Eltern

Wenn Kinder auf die Welt kommen, sind sie noch vollkommen eins mit ihrer Umwelt, insbesondere mit ihren Eltern, denen sie zudem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind. Es ist denn auch kein Wunder, dass Kindern sehr viel am Wohlergehen ihrer Eltern gelegen ist, da sie ohne diese ja völlig verloren wären. Diese von Natur aus enge Bindung kann aber auch dazu führen, dass sich Kinder verantwortlich fühlen, wenn es ihren Eltern nicht gut geht: Sie fragen sich dann, was sie wohl falsch gemacht hätten. Diese Gefahr ist dann besonders gross, wenn Eltern ihren Kindern vermitteln, dass diese ihr eigentliches Glück seien (und ohne sie schon gar nicht mehr leben könnten). Selbstverständlich dürfen Sie sich als Eltern über Ihre Kinder freuen und sind Kinder ein grosses Glück, doch sollte Ihre Daseinsberechtigung eben gerade nicht von diesen abhängig sein. Denn eine solche Verantwortung kann ein Kind unmöglich tragen, ja soll es auch gar nicht, wenn es selbständig werden soll.

Wenn sich Kinder für ihre Eltern verantwortlich zu fühlen beginnen, liegt die Ursache häufig in einer Verdrehung der Hierarchie. Eine Mutter verlangt zum Beispiel vom Kind, es solle eingreifen, wenn sie wieder zur Flasche greift. Wenn die Mutter dann trotzdem wieder zu viel getrunken hat, fühlt sich das Kind schuldig, weil es ihm nicht gelungen ist, die Mutter davon abzuhalten. Oder ein Vater sagt dem Kind, es solle ruhig sein, da er sonst wütend werde. Mit solchem Verhalten wird dem Kind eine Verantwortung übertragen, von der es überfordert ist.

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Verantwortung und Schicksal

Schliesslich sollten Sie auch bei allem gesunden Verantwortungsbewusstsein akzeptieren, dass Ihr Kind eine eigen Persönlichkeit und somit auch ein eigenes Schicksal hat. Meist früher als den Eltern bewusst ist, nehmen Kinder ihr Leben selbst in die Hand und treffen Entscheidungen, die nicht mehr in der Verantwortung ihrer Eltern liegen können. Das gehört zur Freiheit - und diese Freiheit beginnt nicht etwa erst ab der Volljährigkeit, sondern schon in den ersten Jahren! Das ist manchmal schwer zu ertragen, soll aber auch als Entlastung zu verstehen sein, gerade wenn es zum Beispiel um schwere Schicksalsschläge geht, bei denen sich Eltern hinterfragen, ob sie nicht doch etwas anders oder besser hätten machen können.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnete Prinzipien

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Fragen und Feedback

Das "Zweimalzwei der Erziehung" ist zum Teil noch im Aufbau. Allfällige Fragen oder Feedback sind willkommen: Email


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