Selbständigkeit

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Bedeutung für die Erziehung

Gemäss dem "Zweimalzwei der Erziehung" ist das Ziel der Erziehung die Selbständigkeit und Beziehungsfähigkeit des erwachsenen Kindes. Selbständigkeit bedeutet ein verantwortungsvoller Umgang mit der Freiheit. Die Selbständigkeit Ihres Kindes sollten Sie vom ersten Moment an als Ziel Ihrer Arbeit im Auge behalten! Um dieses Ziel zu erreichen sind die Vertrauensbildung und die Willensbildung im gleichen Masse grundlegend und entscheidend.

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Schwangerschaft und Geburt

Selbständigkeit beginnt schon vor der Geburt, nämlich dann, wenn das Kind (und nicht etwa der Terminkalender der Geburtsklinik) bestimmt, wann es zur Welt kommt. Und auch beim Stillen wird der Säugling schon sehr bald von sich aus die Mutterbrust suchen und solange trinken, bis er genug hat. Vertrauen Sie dem Kind schon in dieser allerersten Phase seines Lebens, dass es selbständig werden will - auch wenn es im Moment noch vollkommen auf Ihre Obhut angewiesen ist.

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Phase der Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

In der ersten Phase der Erziehung geht es darum, dass Sie als Eltern lernen, dem Kind zu vertrauen. Während das Kind mit einem vollkommenen Vertrauen in seine Eltern zu Welt kommt, fällt es Eltern anfangs häufig schwer, an die unglaublichen Fähigkeiten des Kindes zu glauben. Beobachten Sie zum Beispiel, wie das Kind je länger desto gezielter nach etwas greifen kann und irgendwann auch den Löffel selbst zum Mund führen kann: Die Motivation dazu kommt vom Kind selbst, Sie brauchen es weder anzutreiben noch nachzuhelfen. Denn der Antrieb selbständig zu werden, ist in jedem Menschen von Natur aus gegeben, er darf bloss nicht behindert werden.

Wann ein Kind etwas selbständig tun kann oder nicht, richtet sich weder nach Entwicklungstabellen noch Lehrplänen. Denn kein Kind ist durchschnittlich, jedes Kind hat ganz individuelle Fähigkeiten. Lassen Sie Ihr Kind sich selbständig entwickeln und selbst entscheiden, wann es Lust hat, laufen zu lernen oder Bauklötze zu zählen oder was auch immer (auch "Freies Lernen" genannt). Geben Sie ihm die Chance zum ausprobieren: Sie werden staunen, welch unglaubliche Lernfähigkeiten Kinder entwickeln. Und sie tun es immer ganz allein und mit grösster |Freude, Aufmerksamkeit und Geduld!

Helfen Sie Ihrem Kind nur dann, wenn es von sich aus Hilfe verlangt. Und wenn Sie meinen, dass es diese ja offensichtlich braucht, fragen Sie es zumindest zuerst (wenn das Kind noch nicht sprechen kann, wir es auch durch Mimik oder Gestik antworten können). Denn möglicherweise will das Kind Ihre Hilfe trotzdem nicht und Sie würden es gewissermassen "zwangsbeglücken". Der Unterschied zwischen elterlicher Güte und Zwangsbeglückung kann manchmal sehr subtil sein. Viele Kinder wehren sich aber sehr energisch, wenn sie von den Eltern mit zu viel Unterstützung ("Ich will Dir ja nur helfen") bedacht werden. Das ist ein gutes Zeichen!

Die ersten grösseren Schritte in die Selbständigkeit macht das Kind, wenn es zu laufen oder zu sprechen beginnt. Man spricht denn auch von der "kleinen Autonomiephase". Das eigentlich Faszinierendste an dieser Entwicklung ist, dass das Kind ohne äusseres Zutun irgendwann und ganz von alleine auf die Idee kommt. An solche Entwicklungsschritte sollten Sie sich denn auch immer wieder einmal erinnern, wenn es um anderes geht: Das Kind lernt nämlich am einfachsten und am besten von sich aus!

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Phase der Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Spätestens mit der Willensbildung ab etwa dem dritten Lebensjahr pocht das Kind meist ziemlich vehement auf seine Selbständigkeit. Man spricht denn auch von der Autonomiephase (häufig und eher abwertend auch "Trotzphase" genannt). Der Wille gibt dem Kind eine ganz neue Kraft. Es spürt nun plötzlich, dass es aktiv etwas erreichen kann, statt bloss von der Gunst seiner Eltern abhängig zu sein. Während es bisher einfach alles freudig annahm, was ihm gegeben wurde, sagt es nun plötzlich "Nein!" oder "Ich will...". Dieser Schritt ist, nach der Geburt, der wichtigste überhaupt auf dem Weg zur Selbständigkeit.

Jetzt ist es höchste Zeit für Eltern, die "Gunst der Stunde" zu nutzen und das Kind nicht bloss selbst machen zu lassen, sondern es dazu ermuntern. Fordern Sie das Kind zum Beispiel auf, das Butterbrot selbst zu streichen: Kaum ein Kind will das nicht selbst ausprobieren. Natürlich müssen Sie anfangs vielleicht noch etwas helfen und einige Missgeschicke in Kauf nehmen, doch gewinnen dadurch sowohl Sie als auch das Kind, entlastet doch die zunehmende Selbständigkeit des Kindes im selben Zug die Eltern. Wenn Sie solche Chancen hingegen verpassen, wird sich die Kind ebenso schnell daran gewöhnen und je länger desto bequemer.

Der Wille gibt dem Menschen die Kraft, sein kreatives Potential auszuleben, seine Ideen zu verwirklichen und überhaupt seine Persönlichkeit zu entwickeln. Allerdings ist der Wille zu Beginn noch ungeschliffen wie ein Rohdiamant, das heisst er muss erst noch kultiviert werden. Dafür sind die Eltern verantwortlich, in dem sie dem Kind Grenzen setzen. Der Wille muss auf Widerstand treffen, ansonsten er nicht gefordert ist und verkümmert. Wenn dem Kind aber gelehrt wird, dass es seinen Willen haben darf, gleichzeitig aber auch ein "Nein!" respektieren muss, kann es lernen, seinen Willen geschickt einzusetzen. Ein solcher, sozusagen vom Egoismus befreiter, Wille ist nebst einem gesunden Selbstvertrauen die wichtigste Voraussetzung für die Selbständigkeit.

Die Grundlage für die Selbständigkeit wird also in den ersten vier Jahren des Kindes gelegt: Je mehr Verantwortung Sie dem Kind überlassen, desto besser kann es sich entfalten und desto selbständiger wird es. Ein Kind, das genügend Selbstvertrauen entwickeln konnte und dem gelehrt wurde, Grenzen zu respektieren, ist bereits mit dem Eintritt in die (Vor)Schule so reif, dass es sich für den Rest des Lebens selbständig weiterentwickeln kann, das heisst die Erziehungsarbiet der Eltern kann sich mehr und mehr auf eine Art Begleitung beschränken.

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Sozialisation bis Pubertät (etwa 4 bis 16 Jahre)

Mit dem Eintritt in die (Vor-)Schule treten der Selbständigkeit des Kindes regelmässig Lehrpläne gegenüber und mit dem freien Lernen ist es dann mehr oder weniger vorbei: Das Kind soll dann vielleicht feine Scherenschnitte basteln, obwohl es viel lieber mit einem schweren Hammer Nägel einschlagen würde. Ganz zu vermeiden ist das natürlich nicht, da insbesondere die Wirtschaft später gewisse normierte Fähigkeiten in Form von Berufsabschlüssen und ähnlichem verlangt, um einigermassen effizient funktionieren zu können. Die Frage ist aber, wie früh mit dieser Standardisierung begonnen werden soll beziehungsweise wie lange das Kind frei lernen darf. Falls Sie als Eltern die Möglichkeit haben, die Schule selbst zu wählen, sollten Sie insbesondere auch auf diesen Punkt achten.

Selbständig bedeutet aber auch, dass das Kind sich mit gesellschaftlichen Widrigkeiten auseinandersetzen kann, ohne gleich an seiner Persönlichkeit zu zweifeln beginnen. Und genau das kann ein Kind umso besser, je mehr es in den ersten vier Jahren frei entscheiden durfte und ihm Verantwortung übertragen wurde.

Lassen Sie dem Kind auch in der Schulzeit möglichst viel Entscheidungsspielraum. Wenn das Kind sein Freifach selbst wählen durfte, wird es viel lieber hingehen und auch einmal mit einem langweiligeren Stoff umgehen können. Das gleiche gilt auch für Freizeitaktivitäten: Es ist weniger wichtig, ob das Kind lieber ins Tischtennis geht oder Klavier spielt. Wichtig ist, dass es Freude daran hat und selbst entscheiden durfte. Wenn es sich aber einmal entschieden hat, können Sie mit ihm aber durchaus eine bestimmte Mindestzeit vereinbaren, während der es nicht wieder irgendetwas anderes beginnen kann.

Jugendliche pochen sehr gerne auf ihre Selbständigkeit. Das ist gut so, doch muss ihnen auch klar gemacht werden, dass sie die Konsequenzen ihres Tuns oder Lassens selbst tragen müssen. Vom Moment an, da ein Jugendlicher zum Beispiel ganz bestimmte Kleider verlangt, können Sie ein Kleidergeld vereinbaren, über das er selbst und nach eigenem Gutdünken verfügen darf. Bloss müssen Sie konsequent bleiben, wenn das Geld nicht reicht, weil es für anderes eingesetzt wurde (das heisst Sie dürfen dann nicht einfach Erbarmen haben und Geld nachschiessen). Überhaupt wird es in dieser Phase je länger desto wichtiger, dass Sie Vereinbarungen treffen, ganz gleich ob es um das Taschengeld geht, das Mithelfen im Haushalt oder der Gebrauch von Unterhaltungselektronik. Wichtig ist immer, dass die Jugendlichen miteinbezogen werden. Das verlangt von Ihnen als Eltern vor allem, dass Sie in die Vernunft und in die Kooperationsbereitschaft des Kindes vertrauen.

In dieser Phase, da die Erziehungsarbeit eher einer Art Begleitung Platz gemacht hat, gilt es aber auch achtsam zu sein auf die Gratwanderung zwischen Unter- und Überforderung. So kann es vielleicht noch zu schwierig sein, mit Kleidergeld umzugehen, da die Versuchung zu gross ist, damit den Ausgang zu finanzieren. Das müssen Sie als Eltern natürlich ansprechen; Und wenn Sie es in den ersten vier Jahren erreicht haben, ein genügendes Vertrauensverhältnis zu schaffen, werden Ihre Kinder auch ohne weiteres bereit sein, darüber offen und ehrlich zu sprechen.

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Erwachsenwerden (etwa 16 bis 25 Jahre)

Das Ziel jeder Erziehungsarbeit sollte sein, dass das Kind selbständig wird. Wobei selbständig nicht bloss heisst, ohne Unterstützung von den Eltern leben zu können. Selbständig heisst vielmehr, verantwortungsvoll mit der Freiheit umzugehen. Das ist natürlich ein sehr hohes Ziel und bedeutet, abhängig von den eigenen Wertvorstellungen, eine lebenslange Aufgabe auch des Kindes selbst, also jedes Erwachsenen.

Selbständige Menschen zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass sie ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten kennen und diese sowohl für sich als auch für ihre Mitmenschen sinnvoll und nützlich einsetzen können. Diese Eigenschaft ist schliesslich auch eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Beziehungsfähigkeit. Wenn Sie Ihre Kinder zu selbständigen Menschen erziehen, tun Sie also nicht bloss diesen selbst, sondern auch deren Partnern, einen grossen Gefallen!

Demgegenüber brauchen Kinder, die nicht gelernt haben selbständig zu leben, dauernd irgendeinen „Elternersatz“ , auch wenn sie eigentlich längst erwachsen sind. Typische Erscheinungen in diesem Zusammenhang sind: nicht enden wollende Therapien, Hörigkeit gegenüber Gurus, Verehrung von Helden und so weiter.

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Selbständigkeit als Ziel der Erziehung

Kinder sollten nicht erst mit dem Erreichen der Volljährigkeit als "von nun an selbständig" erklärt werden. Selbständigkeit sollte vielmehr von Geburt an das Ziel der Eltern sein. Das ist vor allem eine Frage der Haltung: Freuen Sie sich über alles, was das Kind selbst tun will, statt es zum Beispiel zu bedauern, dass es "zu klein" ist. Das Kind strebt zudem schon von sich aus nach Selbständigkeit. Sie dürfen es dabei nur nicht behindern.

Wenn Sie dem Kind schon in den ersten vier Jahren grösstmögliche Entscheidungsfreiheit, verbunden mit entsprechender Verantwortung überlassen hatten, wird später der junge Erwachsene von sich aus den unbändigen Drang entwickeln, so bald als möglich auch wirtschaftlich und sozial selbständig sein zu wollen. Das heisst Sie brauchen sich nicht davor zu fürchten, dass er Ihnen ewig lange "auf der Pelle hockt", nur weil Sie so gute Eltern waren. Dann müssen Sie Ihre Kinder ziehen lassen und dürfen sie nicht mehr zurückhalten. Die Versuchung der Eltern, ihre Kinder mit allerlei Verlockungen noch bei sich zu behalten, kann manchmal gross sein und subtil geschehen ("Du kannst ja auch an die Uni pendeln, wir leihen Dir unser Auto; Dann brauchst Du nicht auszuziehen, das kommt Dich sicher günstiger!"). Und natürlich kann Wehmut aufkommen, wenn Sie auf die schöne Zeit mit den kleinen Kindern zurückblicken, die ja auch noch so unglaublich schnell vorbei ging. Doch dürfen Sie sich in erster Linie darüber freuen, dass das Leben immer weiter geht und auch Ihre Kinder vielleicht irgendwann wieder Kinder haben. Und als Grosseltern wird noch einmal eine ganz neue Epoche in Ihrem Leben beginnen können. Bis dann können Sie aber erst einmal die wiedergewonnenen Freiheiten geniessen.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnete Prinzipien


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