Mitleid wird im "Zweimalzwei der Erziehung" insofern von Mitgefühl unterschieden, als mitleidende Eltern das Leiden des Kindes zu ihrem eigenen machen, statt ihr eigenes Gefühl wahrzunehmen. Mitleid in diesem Sinne ist aufgrund der engen Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind zwar verständlich, gleichwohl nicht unproblematisch.

Problematik des Mitleids

Wenn ein Kind leidet, schmerzt das viele Eltern dermassen, als ob sie das Leid selbst hätten. Oder sie haben zum Beispiel den Wunsch, das Leid anstelle des Kindes zu tragen, um es zu erlösen. Das ist zwar verständlich, denn Eltern ist nichts und niemand so nahe, wie das eigene Kind. Auch tun Eltern in der Regel alles, damit es ihren Kindern gut geht. Wenn Eltern aber zu sehr zu leiden beginnen, werden sie ausgerechnet dann in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt, wenn sie von ihrem Kind am meisten gebraucht würden. Sie verlieren ihre Energie oder gar ihren Verstand. Leidende Kinder brauchen aber starke Eltern, die ihnen beistehen können und sie trösten.

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Mitgefühl statt Mitleid

So sehr Sie sich mit Ihrem Kind verbunden fühlen: als Eltern müssen Sie lernen, Ihre eigenen Gefühle von denen des Kindes zu unterscheiden. Das mag Sie anfangs vielleicht etwas befremden, da es eine gewisse Distanzierung braucht. Mit der Zeit werden Sie aber feststellen, dass das Ihrer Beziehung zum Kind gut tut. Versuchen Sie deshalb, wenn Ihr Kind leidet, gleichzeitig herauszufinden, was Sie selbst fühlen. Dabei können Sie einfach nach dem sogenannten Grundgefühl suchen, also dem reinen Gefühl (das vierte Grundgefühl, Freude, kommt hier kaum in Betracht):

  • Wut: Wenn ein Kind zum Beispiel schwer krank ist, ist es durchaus möglich, dass Eltern Wut empfinden, Wut zum Beispiel auf das Schicksal, das ausgerechnet einen jungen Menschen bedroht. Wut kann bedeuten, dass Sie sich mit aller Kraft und mit Ihrem ganzen Willen für Ihr Kind einsetzen sollen. Wut als Antrieb in Notsituationen hört man übrigens immer wieder aus Erfahrungsberichten zum Beispiel von Ärzten in Krisenregionen.
  • Angst: Als Eltern von kranken Kindern, ist es naheliegend, dass Sie sich ängstigen, weil Sie zum Beispiel nicht wissen, was Sie unternehmen sollen. Nehmen Sie dieses Angst ernst, den Angst bedeutet immer Gefahr, und wenn es bloss die Gefahr ist, dass Sie sich alleine nicht zu helfen wissen und deshalb Hilfe in Anspruch nehmen sollen.
  • Trauer: Wenn ein Kind zum Beispiel unter einer Behinderung leidet, kann das Eltern auch traurig machen. Gelebte Trauer hilft bei der Verarbeitung von Leid und Schicksalsschlägen.

Ihr Mitgefühl gibt Ihnen ein Gespür für das, was im Moment zu tun oder lassen ist. Wenn dieses Gespür im Laufe Ihres Lebens vielleicht schon fast verloren oder vergessen haben, geben Ihnen Kinder die Chance, es wieder zu entdecken. Je besser Sie übrigens Ihre Gefühle wahrnehmen können, desto weniger werden Sie von Ihren Emotionen, also dem körperlichen Andruck der Gefühle, übermannt!

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Trost statt Mitleid

Mitgefühl ist die wichtigste Voraussetzung um ein Kind wirklich trösten zu können. Schmerzen von Kindern können noch so gross ein, wenn sie von ihren Eltern in die Arme genommen werden und ihnen Zeit gegeben wird sich auszuweinen, ist alles halb so schlimm. Trost ist denn auch ein Grundbedürfnis, das heisst, Sie sollen das Kind immer und bedingungslos trösten, auch wenn sein Leid zum Beispiel "selbst verschuldet" ist. Trost ist vor allem in der Phase der Vertrauensbildung entscheidend für die Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind.

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Verstand statt Mitleid

Selbstverständlich sollen Sie sich aber nicht ausschliesslich nach Ihrem Gespür richten, sondern auch Ihren Verstand nutzen. Denken Sie zum Beispiel an Sanitäter, die in einem Notfall ganz nüchtern nach einer Checkliste arbeiten und dabei mit ruhiger Stimme zum Patienten sprechen. Auch ein leidendes Kind braucht nicht nur die beruhigende Stimme seiner Eltern, sondern auch solche, die zum Beispiel wissen, wo Sie das Verbandsmaterial haben und wie Sie damit am besten umgehen.

Schliesslich wissen Sie aus eigener Erfahrung, dass das meiste Leid früher oder später wieder vorübergeht. Wenn Sie diese Gewissheit ausstrahlen, gibt auch das dem Kind Vertrauen. Behalten Sie diese Gewissheit aber vorerst für sich, statt das Kind möglichst schnell damit vertrösten zu wollen. Ein leidendes Kind brauch zuerst vor allem Zeit und Trost, also keine gescheiten Erklärungen, weshalb alles "halb so schlimm" sei und gleich vorüber ginge. Es lebt noch voll im Hier und Jetzt und hat gerade in Momenten des Leids kaum eine Vorstellung von Zukunft.

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Fragen und Feedback

Das "Zweimalzwei der Erziehung" ist zum Teil noch im Aufbau. Allfällige Fragen oder Feedback sind willkommen: Email


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