Grundprinzipien der Erziehung

Aus Das Zweimalzwei der Erziehung
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Bedeutung für die Erziehung

Die beiden Grundprinzipien gemäss diesem Wiki ergeben sich aus der allgemeinen Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes in den beiden ersten Lebensphasen: Wenn das Kind zur Welt kommt, hat es ein grenzenloses Vertrauen in seine Eltern und seine Umwelt. Es ist noch eins mit dem Leben und überhaupt mit allem und jedem. Ein erster bedeutender Schritt macht das Kind, wenn es etwa nach einem Jahr zwischen "Ich" und "Du" zu unterscheiden beginnt. Etwa in diesem Alter beginnt es meistens auch zu laufen und zu sprechen. Für die Erziehung entscheidend ist aber der nächste grosse Schritt, nämlich wenn das Kind etwa im dritten Lebensjahr beginnt, seinen Willen zu entwickeln. Daraus können die beiden Grundprinzipien beziehungsweise Ziele der Erziehung abgeleitet werden:

  • Selbstvertrauen und Vertrauen: In den beiden ersten Lebensjahren[1] des Kindes geht es vor allem darum, dass die Eltern lernen, den Fähigkeiten und Grundbedürfnissen des Kindes zu vertrauen. Im gleichen Masse wie die Eltern ihrem Kind vertrauen, wird dieses sein Selbstvertrauen aufbauen können.
  • Wille und Grenzen: In den beiden folgenden Jahren[1] werden die Eltern im wesentlichen lernen müssen, dem Willen des Kindes Grenzen zu setzen. Je konsequenter die Eltern dem Kind Grenzen setzen, desto sinnvoller kann das Kind seinen Willen nutzen.

Diese beiden Prinzipien bedingen einander, das heisst, das Kind kann das einschränkende "Nein!" der Eltern nur dann akzeptieren, wenn es zuvor das bedingungslose "Ja" erfahren hat. Und Eltern können nur dann wirklich "Ja" sagen, wenn sie auch "Nein!" sagen können!

Werden diese beiden Grundprinzipien konsequent angewandt, ist das Kind mit etwa vier Jahren bereits so reif, dass es einerseits seine Persönlichkeit voll ausleben kann und andererseits seine Umwelt genügend respektieren kann. Das Kind ist dann schon selbständig genug, sodass sich die Aufgabe der Eltern mehr und mehr auf eine Art Begleitung beschränken kann. Das zeigt sich insbesondere darin, dass Sie mehr und mehr dem Kind Verantwortung abgeben können.

Das Ziel Ihrer Erziehungsarbeit sollte schliesslich sein, dass das erwachsene Kind einerseits selbständig und andererseits beziehungsfähig ist. Dazu braucht es genügend Selbstvertrauen und und einen freien Willen.

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1. Grundprinzip: Selbstvertrauen und Vertrauen

In den beiden ersten Lebensjahren müssen die Eltern lernen, dem Kind zu vertrauen. Denn während das Kind mit einem vollkommenen Vertrauen zur Welt kommt, müssen die Eltern zuerst einmal bereit sein, die unglaublichen Fähigkeiten, die in ihrem Kind verborgen sind, zu entdecken. Je mehr die Eltern an diese Fähigkeiten glauben und je besser sie die Grundbedürfnisse des Kindes befriedigen können, desto stärker kann sich das Selbstvertrauen des Kindes entwickeln.

Vertrauen in ein Kind bedeutet, sich auf das Ungewisse einlassen zu können: Es gibt keine Versicherung, dass Ihr Kind nach dieser oder jener Zeit so und so viel weiss oder kann, das Sie womöglich auch noch messen könnten. Es gibt keine Garantie, dass es diese oder jene Eigenschaften mitbringt und es gibt keine Instanz, bei der Sie reklamieren könnten, wenn Ihre Vorstellungen und Erwartungen nicht erfüllt wurden. Es gibt nur eines: Ihr Vertrauen als Eltern in das Wunder des Kindes, wie auch immer dieses aussieht. Man könnte auch sagen, es geht darum, dass Sie lernen, das Schicksal anzunehmen: Weder können Sie wissen, was im Innern des Kindes vor sich geht, noch was aus ihm einst werden wird. Sie können bloss daran glauben, dass in Ihrem Kind immer genau das ist, was es für sein Leben braucht. Und dass das Kind die Fähigkeit mit sich bringt, auch genau das zur Blüte zu bringen. Und zwar von sich aus, ohne dass Sie irgendwie nachhelfen müssten!

Anders gesagt geht es um das "Ja" zum Leben: Alles, was das Kind in den beiden ersten Jahren tut oder lässt, ist richtig und gut! In dieser Zeit dürfen Sie das Kind einfach machen lassen und es geniessen, ohne ihm irgendwelche Einschränkungen auferlegen zu müssen; Lassen Sie also Ihr Kind alles entdecken, wonach es Lust und Laune hat (einzig die Gefahren unserer Zivilisation, insbesondere Maschinen und Geräte jedwelcher Art, müssen Sie vom Kind fern halten).

In dieser ersten Phase der Erziehung dürfen Sie das Kind auch beliebig verwöhnen. Verwöhnen bedeutet, dass Sie ihm möglichst alles geben, was es verlangt - aber umgekehrt auch nur das geben, was es von sich aus verlangt. Das tönt auf den ersten Blick einfach. Doch gerade im ersten Jahr, wenn das Kind in der Regel noch nicht spricht, ist es häufig alles andere als klar, was das Kind wirklich braucht. Wenn das Kind schreit, hilft häufig nur das Motto "Versuch und Irrtum", das heisst Sie müssen sich auf Ihr Gespür verlassen und solange ausprobieren, bis Sie selbst herausgefunden haben, was Ihrem Kind gut tut und was nicht. Zudem lauert dauernd die Gefahr, dass die Eltern in bestgemeinter Absicht die Bedürfnisse des Kindes mit ihren eigenen Vorstellungen verwechseln. Und schliesslich gilt auch hier die Einschränkung bezüglich der Errungenschaften unserer Zivilisation: Insbesondere Geräte der Unterhaltungselektronik sollten in den ersten vier Jahren ein absolutes Tabu für Kinder sein, da die damit verbundene Reizüberflutung Kinder völlig überfordert.

Grenzen sind in dieser Phase nur insofern ein Thema, als Sie diese beachten müssen: Als Eltern verfügen Sie auch nur über begrenzte Ressourcen (und müssen dem Kind deshalb auch einmal klarmachen, dass Sie nicht mehr mögen) und umgekehrt haben auch Kinder irgendwann genug der Fürsorge (und wollen deshalb nicht ewig gehalten und genährt werden). Erst in der nächsten Phase geht es darum, dass Sie Grenzen nicht bloss beachten, sondern lernen, diese aktiv zu setzen.

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2. Grundprinzip: Freier Wille und Grenzen

Auf die Phase der Vertrauensbildung folgt die ebenso wichtige Phase der Willensbildung: Mit der Entwicklung des Willens, in der Regel ab etwa dem dritten Lebensjahr, wächst im Kind eine unglaublich starke Kraft, der von den Eltern etwas entgegengehalten werden muss. Die Eltern müssen nun lernen dem Kind Grenzen zu setzen. Je klarer und konsequenter diese Grenzen gesetzt werden, desto schneller lernt das Kind seinen Willen zu kultivieren und die Anliegen seiner Umwelt zu respektieren.

Der Wille entwickelt sich von selbst, bei den meisten Kindern sehr abrupt und überraschend, bei anderen eher langsam und stetig. Grenzen hingegen kennt das Kind von Natur aus keine. Und es lernt sie auch nicht einfach so von sich aus. Das ist vielmehr die wichtigste Erziehungsaufgabe der Eltern überhaupt, nachdem diese zuvor gelernt haben, dem Kind zu vertrauen. Der Wille ist die wertvollste Kraft des Menschen überhaupt: er allein ermöglicht uns, alle unsere Möglichkeiten, all unser kreatives Potential auch tatsächlich zu realisieren. Ohne Wille würde das Leben bloss eine Wunschvorstellung, ein Traum bleiben. Diese Kraft ist aber bei ihrer Entstehung noch roh und ungestüm, das heisst der Wille muss zuerst gewissermassen kultiviert werden, wenn daraus einen freier Wille werden soll.

Für diese Kultivierung genügt ein einziges "Zauberwort": Mit einem einmal, aber laut und deutlich ausgesprochnen, "Nein!" setzen Sie dem Kind am wirkungsvollsten eine Grenze. In aller Regel genügt das vollkommen. Kinder können aber in dieser Phase schon auch mal wütend werden, wenn sie ihren Willen nicht durchsetzen können, und zu toben beginnen. Das ist nichts als eine natürliche und gesunde Reaktion! Heikel ist hingegen, wie Sie als Eltern darauf reagieren. Denn als erstes müssen Sie nun konsequent bei Ihrer Haltung bleiben und dürfen sich weder durch die Reaktion des Kindes noch der Umgebung verunsichern lassen. Und zweitens müssen Sie ruhig und aufmerksam bei Ihrem Kind bleiben, bis es sich wieder von selbst beruhigt hat. Das wird Ihnen beim ersten "Tobsuchtsanfall" vermutlich noch nicht gelingen, da Kinder die seltsame Angewohnheit haben, ihre Eltern "im dümmsten Moment" und dazu noch "auf dem linken Fuss" zu erwischen. Lassen Sie sich deswegen nicht entmutigen: Kinder sind ausgesprochen geduldig und ausdauernd, das heisst die nächste Gelegenheit zum üben kommt bestimmt! Bereiten Sie sich also gedanklich schon einmal darauf vor, wie Sie beim nächsten Mal reagieren. Das gibt Ihnen die nötige Gelassenheit und irgendwann wird es Ihnen gelingen und Sie werden staunen, wie sehr Ihre Beziehung zum Kind gewonnen hat. Denn das Kind ist darauf angewiesen, dass Sie ihm Grenzen setzen: nur so spürt es, wie weit sein Wille gehen kann und wo es auf den Widerstand seiner Umwelt stösst.

Grenzen trennen nicht nur, sondern sind auch die Stelle, wo sich zwei Menschen berühren. Und genau deshalb sind Grenzen so wichtig für die Beziehungsfähigkeit: Wenn sich zwei Menschen berühren, braucht es Vertrauen. Nur wenn das Kind schon genügend Selbstvertrauen entwickeln konnte, kann es Grenzen respektieren, ohne gleich an sich selbst zu zweifeln zu beginnen. Und umgekehrt können Eltern nur dann Grenzen setzen, wenn sie diese dem Kind auch zumuten können, das heisst das Vertrauen haben, dass das Kind mit ihrem "Nein!" umgehen kann.

Das "Nein!" und das "Ja" bedingen sich also gegenseitig: Nur wer wirklich "Ja" sagen kann, kann auch konsequent "Nein!" sagen. Und wer nur halbherzig "Nein!" sagt, der hat auch nie wirklich "Ja" gesagt. Dieses Fundament für jede Beziehung lernt der Mensch in den ersten viere Jahren. Als Eltern haben Sie deshalb in dieser Zeit die einmalige Chance, dem Kind gute Voraussetzungen zu schaffen, um später fruchtbare und beglückende Beziehungen eingehen können!

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Konträr und komplementär

Die beiden Grundprinzipien sind also einerseits konträr, das heisst gegensätzlich ("Ja" und "Nein"), andererseits aber auch komplementär, das heisst sie bedingen und ergänzen einander zu einem Ganzen (ohne das "Ja" gibt es kein "Nein" und umgekehrt).

Dieser an sich komplexe Zusammenhang wird in der Erziehung ganz entscheidend vereinfacht, da Sie sich in den ersten beiden Jahren auf das erste Prinzip ("Ja") konzentrieren können und sich erst in den beiden folgenden Jahren verstärkt mit dem zweiten Prinzip ("Nein") auseinandersetzen müssen. Diese riesige (!) Chance gilt es aber unbedingt zu nutzen, denn danach müssen beide Prinzipien gleichzeitig, das heisst je nach Situation, angewandt werden können. Aus diesem Grund ist denn auch die "Nacherziehung" so schwierig und anspruchsvoll.

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Begleitung statt Erziehung

Wenn Sie nach diesen beiden Grundprinzipien erziehen, werden Sie feststellen, dass das Kind schon nach etwa vier Jahren so reif ist, dass Sie Ihre weitere Erziehungsarbeit auf eine Art Begleitung beschränken können. Sie werden sich darüber freuen, dass das Kind ganz von alleine selbständiger wird. Selbständig werden heisst, dass Sie dem Kind mehr und mehr Freiheiten überlassen können, mit denen es verantwortungsvoll umgehen kann.

Ihre Erziehungsaufgaben sind nach vier Jahren im Wesentlichen erledigt, auch wenn es bis zum Erwachsenwerden noch sehr viel länger dauert. Abgesehen davon schwindet Ihr Einfluss mit dem Eintritt des Kindes in die (Vor)Schule rapide und die Schulen sollten sich ihrerseits auch nicht mehr um die Erziehung kümmern müssen (sondern eben um die Bildung).

Prüfstein für Ihre Erziehungskompetenzen ist regelmässig die Phase der Pubertät. Wenn Sie den Eindruck haben, dass damit "alle Probleme nochmals von vorne beginnen", ist das ein Zeichen dafür, dass in den ersten vier Jahren das Vertrauen zwischen Ihnen und dem Kind und der gegenseitige Respekt nicht genügend ausgebildet wurden. Denn die Pubertät ist auch die Phase der ersten Selbstreflexion - und die sollte der Jugendliche in erster Linie mit sich selbst beziehungsweise mit seinen Freunden und Kameraden bewältigen können, das heisst ohne sich dauernd an den eigenen Eltern reiben zu müssen. Das Verhältnis zu den Eltern sollte nicht mehr ein rein hierarchisches, sondern viel mehr ein partnerschaftliches Verhältnis werden. Das bedeutet vor allem, dass sich der Jugendliche nun ebenso für die Beziehung verantwortlich fühlt, wie die Eltern, während für die Erziehung allein die Eltern verantwortlich waren.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnete Prinzipien

  1. 1,0 1,1 Die Zeitangaben sind blosse Anhaltspunkte: Massgebend ist, wann das Kind seinen Willen entwickelt (in der Regel etwa im dritten Lebensjahr).

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