Bedeutung für die Erziehung

Ob ein Kind Geschwister hat, ist für die Erziehung zunächst unerheblich, bleiben doch die beiden Grundprinzipien dieselben. Eltern werden aber feststellen, dass jedes Kind seine ganz eigene Persönlichkeit hat und somit auch unterschiedliche Bedürfnisse. Und schliesslich entstehen nebst der Beziehung zu den Eltern weitere Beziehungen, die eine ganz eigene Dynamik entwickeln können.

Geschwisterkonkurrenz

Die Geburt eines Geschwisters kann für Kinder nicht nur eine freudige Überraschung sein, sondern bedeutet natürlich auch, dass die Aufmerksamkeit der Eltern plötzlich geteilt werden muss. Das kann vor allem in den ersten Jahren schwierig sein, während der das Kind die Kapazitäten seiner Eltern noch mehr braucht. Es ist desahlb wichtig, das ältere Kind möglichst in die Sorge um das jüngere miteinzubeziehen. So erhält es eine Aufgabe und kann Verantwortung übernehmen. Lassen Sie sie es zum Beispiel beim Wickeln mithelfen, auch wenn es bloss darum geht, dass es Ihnen die Windeln reicht oder die Tube mit der Salbe öffnet. Je nach Alter können Sie ihm natürlich auch noch weitere Aufgaben anvertrauen. Je mehr das Ältere übernehmen darf, desto mehr kann es sich über das Jüngere freuen (Verpflichten sollten Sie das Kind hingegen nicht, könnte es doch mit eigentlichen Betreuungsaufgaben rasch überfordert sein).

Wenn das ältere Kind hingegen immer wieder ausgeschlossen wird, weil Eltern ihm bei der Betreuung des jüngeren zu wenig zutrauen, bedeutet das einen Liebesentzug und es wird mit Angst oder gar Wut reagieren. Werden diese Gefühle dann auch noch missachtet oder verspottet, kann daraus leicht Eifersucht entstehen. Die Gefahr ist dann gross, dass es sich am kleinen Geschwister "rächen" wird, zumal ihm das aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit sehr leicht fallen wird. Selbstverständlich müssen Sie dem Grenzen setzen, doch sollten Sie sich auch überlegen, wie Sie dem Kind eine Aufgabe übertragen könnten, die es konstruktiv lösen kann.

Ganz zu vermeiden ist die Konkurrenzsituation aber meistens nicht und sie wird früher oder später auch noch in umgekehrter Richtung entstehen, wenn das Jüngere zum Beispiel wahrnimmt, dass das Ältere schon selbständiger ist und ihm deshalb mehr zugetraut und zugemutet wird. Wohlwollende Erklärungen können helfen, doch müssen Sie auch anerkennen, dass es keine absolute Gerechtigkeit gibt, denn zum einen bleibt das jüngere Kind immer das jüngere und zum anderen hat jedes Kind seine ganz eigene Persönlichkeit und somit ganz individuelle Bedürfnisse. Für Sie als Eltern bedeutet das vor allem, dass Sie zusammen mit den Kindern eine Art subjektive Gerechtigkeit anstreben sollten, indem Sie die Kinder bei der Festlegung der Regeln miteinbeziehen. Je mehr Kinder den Alltag mitgestalten dürfen, desto einfacher werden sie die damit verbundenen Regeln akzeptieren, wozu gerade auch die Rücksicht auf Geschwister zählt.

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Geschwisterstreit

Kinder können, zumindest in den ersten Jahren, noch sehr schnell miteinander in Konflikt kommen. Das kommt vor allem daher, dass ihre Grenzen noch ziemlich fliessend sind und sie noch nicht mit allen Regeln eines kultivierten Zusammenlebens vertraut sind. Ein Kind fragt deshalb zum Beispiel nicht zuerst, wem das Spielzeugauto gehört, mit dem es gerade spielen möchte, es nimmt es einfach. Das ist zwar völlig natürlich, ebenso natürlich ist es, wenn sich das Geschwister, dem das Spielzeug gehört, sofort mit Händen und Füssen zu wehren beginnt. Streitigkeiten sind also bloss die logische Folge und haben nicht etwa mit irgendwelchen Bösartigkeiten zu tun. Als Eltern müssen Sie dafür sorgen, dass solche Auseinadersetzungen in einigermassen geordnete Bahnen gelenkt werden. Entscheidend dabei ist, dass Sie ruhig bleiben und nicht zu früh eingreifen: Lassen Sie die Kinder zuerst einmal selbst aushandeln, sie sind nämlich darin geschickter als manche Eltern für möglich halten. Erst wenn ein Kind, typischerweise das jüngere weil schwächere, sich tatsächlich nicht wehren kann, sollten Sie eingreifen und eine Grenze setzen, indem Sie laut und deutlich "Nein!" (oder auch "Stop!") sagen. Notfalls können Sie sich auch zwischen die Streithähne stellen und so eine körperliche Grenze setzen. Dann gilt es allenfalls noch ein schreiendes Kind zu trösten, worauf Sie mit beiden zusammen den Streitpunkt erörtern. Idealerweise haben Sie die Szene zuvor beobachtet, sodass Sie den tatsächlichen Ablauf kennen und das eine oder andere Kind auf Ungereimtheiten aufmerksam machen können. Hüten Sie sich aber davor, automatisch das ältere, weil stärkere, Kind verantwortlich zu machen, ansonsten das jüngere sehr schnell "lernt", wie es Sie beim nächsten Mal manipulieren kann!

Je älter beziehungsweise reifer die Kinder sind, desto mehr sollten Sie sich zurückhalten. Denn Auseinandersetzungen zwischen Geschwistern sind das beste Übungsfeld für die Phase der Sozialisation, in der sich Kinder mit Kameraden häufig ohne die Anwesenheit von Erwachsenen müssen finden können.

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Geschwistersolidarität

Für Kinder sind Eltern nicht nur die grossen Helfer, sondern können auch eine Art Übermacht darstellen: "sie können alles, wissen alles und dürfen dazu auch noch alles bestimmen". Dabei sind Sie weder perfekt noch immer gerecht. Diese Übermacht führt denn auch häufig dazu, dass sich Geschwister zusammentun und sich gemeinsam gegen ihre Eltern zu wehren oder diese zu überlisten versuchen. Die elterliche Übermacht ist nicht zu verwechseln mit Machtmissbrauch, trotzdem reizt sie Kinder im Sinne einer Herausforderung, sodass sie sich bei aller Rivalität solidarisieren und zum Beispiel zusammen beschliessen, nicht baden zu wollen. Das sollten Sie respektieren und sich die Argumente zumindest anhören, können doch Kinder in solchen Auseinandersetzungen sehr viel lernen. Daneben lieben es Kinder auch noch, sich spielerisch oder mit List und Trick ihre Eltern herauszufordern. Lassen Sie sich darauf ein, denn sie können auch aus dem Spiel lernen!

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Geschwisterrivalität

Kinder wollen sich von Geburt an entwickeln, ihr Streben nach Gewinn, welcher Art auch immer, ist also völlig natürlich. Beim Spielen geht es anfangs zwar bloss um die Lust am Spiel an sich, doch lieben und brauchen Kinder auch Herausforderungen, sodass sie schon bald einen gewissen Ehrgeiz entwickeln können (wobei das Ausmass dieses Ehrgeizes stark von der Persönlichkeit abhängt). In den ersten Jahren ist der Altersunterschied zwischen Geschwistern noch sehr massgeblich, sodass es anfangs und gelegentlich Ihre Hilfe braucht. Lassen Sie die Kinder aber möglichst bald ihre eigenen Regeln entwickeln, sie sind nämlich sehr geschickt darin, Altersunterschiede zu berücksichtigen. Greifen Sie erst ein, wenn ein Kind offensichtlich zu sehr unter einer Benachteiligung leidet.

Wenn die Geschwister reifer sind und die Geschwisterkonkurrenz nicht mehr im Vordergrund steht, bleibt häufig eine gewisse Rivalität zurück: die gemeinsamen Wurzeln verbinden und bewirken gerade dadurch, dass man sich vergleicht. Das kann zunächst ein gesunder Ansporn sein, aber auch zu einem eher ungesunden Wettbewerbsdenken führen. Der Grund dafür liegt aber meistens weniger in der Persönlichkeit der Kinder, sondern mehr in den Vorstellungen und der Erwartungshaltung der Eltern an ihre Kinder. Denn nicht jedes Kind kann und will diese Erwartungen gleich gut erfüllen. Sie sollten deshalb Ihre Vorstellungen besser etwas zurückstellen und sich dafür mehr über die individuellen Fähigkeiten Ihrer Kinder freuen. Je mehr sich das Kind von Ihnen in seiner eigenen Persönlichkeit angenommen fühlt, desto selbstbewusster wird es und desto weniger kommt es in Versuchung, sich dauernd mit anderen vergleichen zu müssen.

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Lieblingskind und Gerechtigkeit

Die eigenen Kinder sind den meisten Eltern vor allen anderen Menschen weitaus am nächsten, in aller Regel auch weit vor dem anderen Elternteil. Viele Eltern spüren sich aber gleichzeitig dem einen oder anderen Kind etwas näher. Das sollte keinesfalls tabuisiert werden, ist es doch völlig normal: Kinder sind mehr als nur die eigenen Kinder, jedes bringt seine ganz eigene Persönlichkeit mit, die grundsätzlich unabhängig von den Eltern ist. Das sollen und dürfen Sie akzeptieren, zumal es auch umgekehrt für die Kinder völlig selbstverständlich ist, sich eher zum Vater oder zur Mutter angezogen zu fühlen. Diese Unterschiede sind zudem unabhängig vom Geschlecht und können sich im Laufe der Zeit durchaus ändern. Selbstverständlich verzichten Sie aber auf spezielle Geschenke oder Belohnungen, wohingegen es völlig natürlich ist, dass zum Beispiel der eine Elternteil mit den einen Kind mehr unternimmt als mit dem anderen, das dafür mit dem anderen Elternteil (oder gar mit dem Paten) Zeit verbringt.

Etwas heikler ist das Thema Gerechtigkeit. Grundsätzlich sollten Sie natürlich alle Kinder gleich behandeln. Allerdings ist das zum vornherein ein Ding der Unmöglichkeit. Das beginnt schon damit, dass dem Erstgeborenen immer eine Sonderstellung zukommt, da die Eltern ja einiges zuerst lernen müssen, sodass sie beim zweiten Kind bereits von ihrer Erfahrung profitieren können und so einiges besser, oder doch zumindest anders, machen können. Hinzu kommt, dass jedes Kind mit einer ganz individuellen Persönlichkeit zur Welt kommt und deshalb ebenso individuelle Bedürfnisse hat. Die einzig einigermassen objektive Richtschnur kann deshalb nur bedeuten, dass Sie die Grundprinzipien der Erziehung entsprechend den Bedürfnissen jedes einzelnen Kindes und nach bestem Wissen und Gewissen anzuwenden versuchen. Das verlangt von Ihnen, dass Sie nicht nur mit Verstand, sondern vor allem mit Gespür arbeiten. Und es ist schliesslich genau diese Haltung, die auch Kinder spüren. Abgesehen davon gibt es bloss wenige Themen, wie zum Beispiel die Mithilfe im Haushalt oder das Taschengeld, die sich eingiermassen objektiv messen lassen. Die ungleich wichtigeren Themen für das Leben, nämlich das Vertrauen und der Wille, lassen sich nicht messen!

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Erstgeborenes Kind

Dem erstgeborenen Kind kommt wie keinem anderen danach eine Sonderstellung zu. Es ist einerseits der eigentliche Pionier und Wegbereiter für seine Geschwister. Andererseits müssen die Eltern an ihm auch einiges lernen, wozu sie zwar noch mehr Zeit haben, aber eben auch noch keine oder bloss wenig Erfahrung. Diese besondere Stellung wirkt sich je nach Persönlichkeit des Kindes unterschiedlich aus (so ist es zum Beispiel überhaupt nicht zwingend, dass ihm eine dominierende Rolle zukommt, es ist ohne weiteres möglich, dass diese Rolle von einem Nächstgeborenen eingenommen wird). Die beiden Grundprinzipien der Erziehung bleiben allerdings die gleichen. Sie tun deshalb gut daran, dieser Stellung im Hinblick auf die Erziehung keine weitere Bedeutung beizumessen und stattdessen auf die individuellen Bedürfnisse jedes Kindes zu achten.

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Zwillinge

Die Verbundenheit von Zwillingen, insbesondere von eineiigen, ist meistens offensichtlich und auch wenig überraschend, wenn man bedenkt, wie nah sie sich in den ersten neun Monaten ihres Lebens waren. Es kann denn eine gewisse Herausforderung sein, trotzdem die jeweils eigene Persönlichkeit jedes einzelnen Kindes wahrzunehmen. Für die eigentliche Erziehung ergeben sich aber keine Besonderheiten, die beiden Grundprinzipien bleiben die gleichen!

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Einzelkinder

Kinder, die in einer Einkindfamilie aufwachsen, haben zwar den grossen Vorteil, dass sich ihre Eltern ausschliesslich ihnen allein widmen können, geniessen also naturgemäss eine sehr hohe Aufmerksamkeit, doch entgeht ihnen damit gleichzeitig die Chance, sich schon im Rahmen der Familie auf die Sozialisation vorzubereiten. Für Einzelkinder kann deshalb Fremdbetreuung zusammen mit anderen Kindern ein grosser Vorteil sein.

Ein Thema für das Einzelkind kann die Frage sein, weshalb es keine Geschwister habe. Diese Frage sollten Sie mit dem Kind möglichst offen und ehrlich, wenn auch in einfachen und verständlichen Worten, besprechen. Kinder können auch mit vermeintlich heiklen Antworten umgehen, Schwierigkeiten haben sie hingegen mit Schummeln und Doppelbotschaften, zumal sie dafür noch ein sehr feines Gespür haben!

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Weiterführende Themen

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Übergeordnete Prinzipien

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Fragen und Feedback

Das "Zweimalzwei der Erziehung" ist zum Teil noch im Aufbau. Allfällige Fragen oder Feedback sind willkommen: Email


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