Gehorsam und Selbständigkeit

Dass Kinder lernen müssten zu gehorchen, ist wohl eines der grössten Missverständnisse in der Erziehung: Das Ziel der Erziehung sollte nämlich Selbständigkeit sein und nicht etwa Gehorsam! Ein selbständiger Mensch aber tut oder lässt etwas immer aus freiem Willen. Und dies gleichzeitig zu seinem eigenen Nutzen und dem der Gesellschaft. Genau das sollte denn auch das Ziel der Erziehung sein: Am Ende soll der Erwachsene mit seiner Freiheit verantwortlich umgehen können.

Selbstverständlich ist Gehorsam in bestimmten Organisationen wie der Polizei oder dem Militär angebracht, ja sogar unabdingbar, ansonsten diese gar nicht funktionieren würden. In der Erziehung sollte es aber um andere Werte gehen, schliesslich stehen nicht Gefahren oder Gewaltmissbrauch im Vordergrund, sondern Menschen, deren Persönlichkeit sich entwickeln soll.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Gerade bei Kleinkindern stellt sich die Situation sogar gewissermassen umgekehrt dar: Es sind die Eltern, die lernen müssen, auf die Grundbedürfnisse des Kindes zu hören und diesen zu vertrauen. Je besser Ihnen das gelingt, desto mehr wird das Vertrauen des Kindes in Sie bestätigt. Denn das Kind muss erfahren können, dass Sie tatsächlich immer das machen, was es benötigt, sei es dass es gestillt werden will, sei es dass Sie ihm geduldig zuhören, wenn es die ersten Worte hervorzubringen versucht. Wenn Sie eine solche Vertrauensbasis schaffen, werden Sie staunen, wie kooperativ Kinder sein können (und wie umgekehrt Ihr Bedürfnis nach Gehorsam schwindet)!

Denn je mehr das Kind erfährt, dass Ihnen die Bedürfnisse des Kindes wichtig sind, desto mehr wird es bereit sein können, auch Ihre Bedürfnisse zu respektieren. Wenn das Kind also zum Beispiel seinen Bewegungsdrang genügend ausleben darf, werden Sie schon bald umgekehrt erfahren, dass es völlig freiwillig Ihnen folgt, wenn Sie irgendwo irgendeine Besorgung zu erledigen haben (die für Kinder in aller Regel ja nicht gerade spannend ist). Sie brauchen ihm bloss zu sagen, dass Sie zum Beispiel ein Kleid einkaufen wollen und dass es deshalb mit Ihnen mitkommen soll: Wenn es zuvor von Ihnen die Geduld dafür erlebt hat, dass es jeden Stein begutachten durfte, der gerade auf dem Weg lag, wird es Ihnen den entsprechenden Gefallen auch tun! Sie müssen sich dabei bloss bewusst sein, dass Sie die Entscheidung, wann genug Steine untersucht sind, wann immer möglich dem Kind überlassen müssen.

Etwas schwieriger wird es, wenn das Kind zu laufen beginnt. Im Idealfall leben Sie in einer Umgebung, in der das Kind so viel und so weit laufen darf, wie es mag. Leider ist das in unserer Gesellschaft aufgrund der mannigfaltigen Gefahren, die überall lauern, kaum mehr möglich (im Gegensatz zu Naturvölkern, in denen die Menschen in Sippen und ohne künstliche Gefahren leben). Immerhin sollten Sie sich wenigstens in Ihrer eigenen Wohnung so einrichten, dass das möglich ist. Das heisst zum Beispiel, dass die Steckdosen kindersicher sind oder dass das Sofa nicht gerade derart wertvoll ist, dass Sie sich dauernd davor fürchten müssen, dass es von den Kindern verschmutzt werden könnte. Und auch auswärts oder im Urlaub sollten Sie zumindest in den ersten Jahren zuerst an die Bedürfnisse der Kinder denken. Zum Beispiel ist Würste braten im Wald für Kinder sehr viel spannender als ein Restaurantbesuch und für Sie als Eltern dementsprechend entspannender.

Wenn Sie den Bewegungsdrang Ihre Kindes wegen Gefahren trotzdem einschränken müssen, ist es vor allem wichtig, dass Sie dem Kind auch klar sagen, weshalb. Denn die meisten Gefahren (insbesondere Strassenverkehr) können Kinder schon aufgrund ihrer physiologischen Entwicklung noch gar nicht richtig einschätzen. Hingegen hört ein Kind sehr wohl, wenn Sie ihm sagen, dass Sie Angst haben: Gefühle, welcher Art auch immer, können Kinder nämlich bestens verstehen. Sie brauchen also das Kind vor dem Fussgängerstreifen nicht anzuschreien, um es zum anhalten zu bewegen, sondern können ihm erklären, dass Sie Angst haben, dass es von einem Auto überfahren werden könnte und dass es deshalb an Ihre Hand kommen soll (und ihm dann allenfalls auch noch die Regeln erklären).

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Wenn das Kind seinen Willen zu entwickeln beginnt (in der Regel etwa im dritten Lebensjahr), nimmt sein Verlangen nach Autonomie nochmals eine ganz andere Dimension an. Während Sie ihm zuvor noch relativ einfach sagen konnten, bis wohin es gehen darf, wird es nun selbst erfahren wollen, wo die Grenzen liegen. In diesem Alter können Kinder eigentliche Allmachtsphantasien entwickeln und zum Beispiel mit voller Überzeugung behaupten, sie könnten auf den Mond fliegen. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn das Sprichwort "Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!", stimmt in diesem Alter eben noch: Der Wille ist in seiner ursprünglichen Kraft da.

Nur wird dieser Wille eben auch sehr schnell auf die Umwelt und deren Bedürfnisse treffen und muss entsprechend gesteuert werden können. Diese Fähigkeit bringt das Kind aber nicht einfach von Natur aus mit, sondern es erwirbt sie erst nach und nach, und zwar genau in dem Masse wie ihm die Eltern Grenzen setzen. Der Wille muss also gewissermassen zuerst kultiviert werden. Das ist vergleichbar mit einem Automotor, der auch nicht immer mit seiner vollen Leistung laufen gelassen werden kann, sondern mit viel Umsicht gesteuert werden muss, vom Leerlauf über mehrere Schaltvorgänge und Beschleunigungsstufen bis zum dosierten Bremsen oder gar zur kontrollierten Vollbremsung. Eltern müssen deshalb lernen, ihrem Kind "Nein!" zu sagen - und zwar laut und deutlich (dafür bloss einmal). Kinder können das ohne weiteres akzeptieren, jedenfalls dann, wenn sie zuvor, also in den beiden ersten Lebensjahren, ein bedingungsloses "Ja" erfahren haben. Kinder hingegen, die schon in der Phase der Vertrauensbildung (meist völlig unnötige) Einschränkungen erlebt haben, haben viel mehr Mühe, ein "Nein" akzeptieren zu können (genauso wie ihre Eltern zudem auch noch Mühe haben, wirklich "Nein!" sagen zu können). Die Akzeptanz von Grenzen setzt ein tragfähiges Vertrauensverhältnis voraus, ansonsten sofort Zweifel an der Beziehung aufkommen, da die Angst vor Liebesentzug zu gros ist.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnetes Prinzip

Freier Wille (zweites Grundprinzip der Erziehung)

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Fragen und Feedback

Das "Zweimalzwei der Erziehung" ist zum Teil noch im Aufbau. Allfällige Fragen oder Feedback sind willkommen: Email


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