Freude ist, nebst Wut, Angst und Trauer, eines der vier Grundgefühle, das heisst ein elementares, reines und von Geburt an vorhandenes Gefühl. Kinder freuen sich immer dann, wenn ihr von Geburt an vorhandenes Vertrauen bestätigt wird, sei es in einer Beziehung, insbesondere zu den Eltern, sei es, dass ihnen etwas gelungen ist.

Freude ist ein ebenso wichtiges Gefühl wie alle anderen: Sie zeigt dem Menschen, dass er in einer Situation Vertrauen haben darf, zum Beispiel einem Menschen vertrauen darf oder schlicht sich selbst. Nimmt der Mensch Freude wahr und weiss zugleich, wem oder was er zustimmen darf, entwickelt er Gespür. Und Gespür ist für das Handeln und Entscheiden ebenso wichtig wie der Verstand!

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Freude hat das Kind von Natur aus und zeigt sie auch von sich aus mit entsprechenden Emotionen wie Lächeln, strahlenden Augen oder Juchzern. Sie brauchen Freude dem Kind also nicht etwa beizubringen, indem Sie zum Beispiel versuchen, es zum Lächeln zu bringen. Sie müssen einzig Sorge dazu tragen, dass das Kind seine Freude möglichst lange behalten kann:

Beachtung

Kinder kommen mit einem vollkommenen Vertrauen in das Leben zur Welt. Anfangs besteht diese Welt vor allem aus ihren Eltern. Sie brauchen deshalb deren Beachtung. Dabei geht es vor allem um das Befriedigen von Grundbedürfnissen. Ihr Kind freut sich, wenn es gestillt wird, wenn Sie es halten, streicheln oder Blickkontakt aufnehmen. Es freut sich ganz einfach, weil es da ist, Sie brauchen es bloss noch anzunehmen. Dem Lächeln eines Kindes kann kaum jemand widerstehen. Geniessen Sie es, aber zwingen Sie sich nicht etwa zurück zu lächeln, wenn Sie gar nicht mögen. Kinder haben noch eine sehr feines Gespür dafür, ob Ihr Lächeln echt ist und ein aufgesetztes Lächeln hätte bloss eine Doppelbotschaft zur Folge, die das Kind verwirrt.

Lassen Sie das Kind selbst entscheiden, ob es Ihre Beachtung braucht, es kann sich bemerkbar machen, wenn auch anfangs bloss durch seine Mimik und Gestik. Schon das Kleinkind will und kann sich zumindest zeitweise mit sich selbst beschäftigen und sich zum Bespiel darüber freuen, dass es mit seinen noch ungelenken Händen gerade den eigenen Fuss erwischten konnte.

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Eigene Erfahrungen

Kinder kommen zwar ziemlich hilflos zur Welt, doch sorgt schon allein ihr Lebenswille dafür, dass sie möglichst schnell möglichst selbständig werden wollen. Dazu brauchen sie eigene Erfahrungen. Für Sie als Eltern heisst das, dass Sie lernen müssen, Ihrem Kind beziehungsweise dessen Fähigkeiten von Anfang an zu vertrauen. Halten Sie sich deshalb zurück, wenn Sie in Versuchung kommen, dem Kind nachzuhelfen. Sie werden dafür sehen, wie sehr sich das Kind darüber freut, dass es ihm zum Beispiel selbst gelungen ist, das Kuscheltier zu erfassen. Wenn sie dem Kind hingegen dauernd helfen, ohne dass es das verlangt hätte, nehmen Sie ihm die eigene Erfahrung und somit die Freude. Im besten Fall wird das Kind dagegen protestieren, im schlimmsten Fall aber schlicht resignieren.

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Lernfreude

Zumindest in den beiden ersten, alles entscheidenden Lebensphasen lernt das Kind alles von sich aus, das heisst Sie brauchen ihm gar nichts beizubringen. Sie brauchen sich auch nicht darum zu kümmern, was es lernt, Hauptsache es lernt, wozu es gerade Lust hat. Die Freude am Lernen ist schon da, sie muss weder geweckt noch gefördert werden, sie darf bloss nicht beeinträchtigt werden. Vergessen Sie deshalb gleich alle Entwicklungstabellen und staunen Sie dafür, was und wie Ihr Kind, da sich ganz individuell entwickelt, lernt. In dieser Zeit können Sie zudem viel mehr von Ihrem Kind lernen, als umgekehrt!

Das Lernen nach einem Lehrplan kommt später in der (Vor)Schule noch früh genug und ist nicht selten schon ziemlich bald mit viel Frust verbunden, da Lehrpläne naturgemäss kaum mehr auf die Individualität der einzelnen Kinder Rücksicht nehmen können. Es ist deshalb umso wichtiger, dass Sie dem Kind die natürliche Lernfreude belassen. Dann hat es in der Schule genügend Frustrationstoleranz, sodass es sich eher "durch Lernstoff beissen" kann, an dem es wenig Freude hat.

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Beziehungen

Kinder suchen und brauchen Beziehungen. Sie freuen sich deshalb, wenn jemand mit ihnen Kontakt aufnimmt. Der Säugling ist anfangs noch fast eins mit der Mutter, die zumindest während der Schwangerschaft sein ganzes Universum war. Je mehr das Kind zwischen sich selbst und seinen Mitmenschen unterscheiden kann, desto wichtiger wird es, dass es den Menschen, die zu ihm in Kontakt treten, vertraut. Und umgekehrt freut es sich nur noch an Menschen, denen es vertraut (was denn auch zu fremdeln führen kann). Seien Sie deshalb sehr vorsichtig, wem Sie das Kind zum Beispiel für das Kind Fremden zum Halten geben: Freut es sich wirklich oder wollen Sie bloss einer Freundin oder einem Verwandten einen Gefallen tun? Kinder haben ein sehr feines Gespür, das Sie ihnen unbedingt lassen sollten. Sie brauchen Zeit, um zu spüren, mit wem sie in Beziehung treten wollen und entscheiden nicht einfach aufgrund des Verwandtschaftsgrades, auf wen sie sich einlassen wollen.

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Wenn das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, freut sich das Kind nicht mehr nur an dem, was ihm geschieht, sondern vermehrt an dem, was es mit seiner Willenskraft selbst gestalten und bewirken kann.

Herausforderungen

Kinder lieben Herausforderungen, vor allem körperliche. Machen Sie mit ihnen Wettrennen, gehen Sie wandern oder spielen Sie mit ihnen Fussball, sie werden beinahe alles mit grösster Freude mitmachen. In erster Linie sollten Sie es aber dem Kind überlassen, welche Herausforderungen es angehen will. Zwar suchen die meisten Kinder Bewegung, doch gibt es auch Kinder, die sich in ihrer Feinmotorik oder ihren kognitiven Fähigkeiten beweisen wollen. Es spielt überhaupt keine Rolle, ob das Kind zum Beispiel Bäume hochklettern, Bauklötze stapeln will oder sich für fremdsprachliche Wörter interessiert. Wichtig ist einzig, dass sein Wille zu lernen und auszuprobieren, gefordert wird. Die Lernleistungen in diesem Alter sind enorm und wohl nie mehr im Leben eines Menschen so hoch (was denn auch manche Eltern vermuten lässt, ihr Kind sei vielleicht hochbegabt)! Geben Sie dem Kind ruhig die Aufgaben, die es verlangt. Übertreiben Sie es aber nicht, indem Sie plötzlich einen eigenen Ehrgeiz entwickeln. Bedenken Sie, dass sich die Interessen des Kindes in diesem Alter äusserst abrupt ändern können. Lassen Sie das Kind ohne jegliche Vorgaben entscheiden, was es sich zumuten will (abgesehen natürlich von eigentlichen Gefahren).

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Bestätigung

Wenn das Kind Herausforderungen meistert, freut es sich natürlich schon von sich aus, doch wird seine Freude noch verstärkt, wenn es von den Eltern in seinen Erfolgen bestätigt wird, ganz nach dem Motto "Geteilte Freude ist doppelte Freude". Ihre Freude sollte aber echt sein, Sie brauchen denn auch nicht zu applaudieren und zu jubeln, bis es peinlich wird. Kinder spüren sehr gut, ob Ihre Äusserungen mit Ihrer tatsächlichen Haltung übereinstimmen oder nicht. Gibt es keine Übereinstimmung entstehen heikle Doppelbotschaften. Die Bestätigung kann denn auch bloss darin bestehen, dass Sie dem Kind aufmerksam zuschauen. Schon der wohlwollende Augenkontakt ist eine Bestätigung, über die sich das Kind freut.

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Selbständigkeit

Das Ziel jeder Erziehung sollte, nebst der Beziehungsfähigkeit, die Selbständigkeit des erwachsenen Kindes sein. Während sich Kinder über jeden Schritt in Richtung Selbständigkeit freuen, tun sich Eltern manchmal etwas schwer damit, da sie diese Schritte auch als eine Art Distanzierung wahrnehmen. Das kann einen durchaus wehmütig stimmen kann, doch gehört das Abschied nehmen gewissermassen zum Kinder bekommen dazu! Wenn Sie in solchen Momenten vielleicht melancholisch werden, ist es hilfreich, wenn Sie sich zum Beispiel vorstellen, wie es umgekehrt wäre, wenn also das Kind von Ihnen abhängig bleiben würde: wäre das nicht viel schwieriger? Schauen Sie also besser mit dem Kind vorwärts in die Zukunft und Sie werden sich mit ihm freuen können!

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Sozialisation bis Pubertät (etwa 4 bis 16 Jahre)

Umwelteinflüsse

Die westliche Zivilisation bereitet leider gerade für Kinder auch sehr viel Unerfreuliches. So ist es unvermeidbar, dass mit zunehmenden Alter die Lebensfreude einer gewissen Ernüchterung weichen muss. Spätestens mit der Sozialisation kommt das Kind mit einer Umgebung ausserhalb der Familie in Berührung, die zum Beispiel von Gewlatmissbrauch oder Umweltzerstörung geprägt ist. Diese Umwelt des Kindes können Sie als Eltern nur noch beschränkt kontrollieren (wobei es natürlich auch den umgekehrten Fall gibt, in dem ein Kind, das aus problematischen Familienverhältnissen kommt, zum Beispiel plötzlich erfährt, wie ein respektvoller Umgang möglich ist). Sie können Ihre Kinder vor dem Anblick all des Unheils dieser Wert nicht einfach verschonen, Sie müssen auch daran denken, dass die mehr oder weniger heile Welt in Ihrer Familie irgendwann ein Ende haben wird. Immerhin können Sie aber darauf achten, dass Sie das Kind nicht unnötig früh damit konfrontieren, indem Sie zum Beispiel die Nachrichten an Radio oder TV nicht in Anwesenheit der Kinder konsumieren. Kinder suchen von sich aus kaum nach all den Kriminalfällen der Welt. Klären Sie das Kind deshalb besser erst darüber auf, wenn es irgendwann selbst darauf stösst, zum Beispiel wenn es beginnt, die Schlagzeilen auf den Zeitungsaushängen zu lesen.

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Ablösung und Seblstreflexion

Jugendliche scheinen während der Pubertät manchmal gar die ganze Freude am Leben zu verlieren. Abgesehen von der hormonellen Umstellung hat das viel mit der Loslösung von den Eltern und der gleichzeitig sich entwickelnden Fähigkeit zur Selbstreflexion zu tun. Jugendliche stellen nun vieles in Frage oder hintersinnen sich zum Beispiel über die Ursachen von Ungerechtigkeit in der Welt und was sie dagegen tun könnten. Diese Phase ist enorm wichtig für die Selbstfindung des Menschen, einfach zum lachen ist sie aber häufig nicht. Denn nun beginnt sprichwörtlich der Ernst des Lebens. Schliesslich haben Sie als Eltern auch nicht mehr viel Einfluss, ganz im Gegenteil: Sie müssen sich womöglich damit abfinden, dass Sie mit Ihren Ideen und Wertvorstellungen ganz grundsätzlich abgelehnt oder schlicht ignoriert werden. In dieser Zeit hilft das Vertrauen in Ihre eigene Erziehungsarbeit während den ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung, in denen Sie dem Kind seine natürlich Freude möglichst belassen konnten. Sie müssen sich also wieder ein Stück distanzieren können und sich noch stärker bewusst werden, dass Ihre Kinder nun die Verantwortung selbst in die Hand nehmen wollen.

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Ersatzgefühle

Wenn Sie das Kind mit seinen Gefühlen so annehmen können, wie es ist beziehungsweise fühlt, wird es seine natürliche Freude behalten können. Nehmen Sie die Gefühle des Kindes hingegen nicht ernst, können Kinder sogenannte Ersatzgefühle entwickeln. Das sind sozusagen unreine Gefühle, das heisst zum Beispiel vermischt mit falschen Absichten, wie zum Beispiel (in alphabetischer Reihenfolge):

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Weiterführende Themen

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Übergeordnetes Prinzip

Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)

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Fragen und Feedback

Das "Zweimalzwei der Erziehung" ist zum Teil noch im Aufbau. Allfällige Fragen oder Feedback sind willkommen: Email


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