Das Leben von Kindern ist gerade in den ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung voller alltäglicher Widrigkeiten. Das verleitet viele Eltern dazu, ihre Kinder bei jedem Verlust, den sie wegen eines Missgeschicks erleiden, mit einem Ersatz zu vertrösten, das ihren Kummer schnellstmöglich wieder vertreiben soll. Das ist allerdings höchst kontraproduktiv, da es den eigentlichen Nährboden für süchtiges Verhalten schafft. Dabei braucht ein Kind bloss wirklichen Trost und Versöhnung.

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Formen

Phase der Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Die Befriedigung der Grundbedürfnisse des Kindes während der Phase der Vertrauensbildung ist durch nichts zu ersetzen und kann auch nicht etwa aufgeschoben werden, denn das Kind lebt noch voll und ganz im Hier und Jetzt. Wenn ein Kind zum Beispiel müde ist und schlafen will, hilft es wenig, ihm ein lustiges Spielzeug hinzustrecken um es wachzuhalten: Es will schlafen, auch wenn Sie vielleicht gerade mit ihm aus dem Haus wollten und es deshalb nach Ihrem Plan wach bleiben sollte. Versuchen Sie es nicht damit zu vertrösten, dass es ja später schlafen könne: es hat noch keine Vorstellung einer Zukunft, ist also mit dieser Aufforderung schlicht überfordert. In dieser Phase ist die Gefühlslage des Kindes noch "entweder oder": entweder ist es wach oder es will schlafen, dazwischen gibt es noch nichts. Ein Ersatz für eine Grundbedürfnis ist deshalb immer eine halbe Sache, mit dem sich ein Kind nicht zufrieden geben kann! In diesem Sinne dürfen, ja sollen Sie das Kind denn auch richtig verwöhnen. Richtiges Verwöhnen bedeutet, dass Sie alle seine Grundbedürfnisse - aber ausschliesslich diese! - möglichst sofort und bedingungslos befriedigen. Stillen Sie also das Kind, wenn es danach verlangt, und reichen Sie ihm keine Süssigkeiten als Ersatz (womit Sie es bloss "anfixen" würden!). Das Vertrauen des Kindes, dass ihm alles gegeben wird, was es für sein Leben braucht, muss in dieser Zeit bestätigt werden. So kann es Selbstvertrauen entwickeln, die weitaus wichtigste Grundlage für ein erfülltes Leben!

Sie können aber selbstverständlich nicht immer und sofort zur Stelle sein, wenn dem Kind etwas fehlt. Das macht gar nichts: es meldet sich nämlich von sich aus, notfalls beginnt es einfach zu schreien. Dann hilft nur eines, dafür immer: Trost. Nehmen Sie das Kind in die Arme, bleiben Sie ruhig, fühlen Sie mit ihm und warten Sie, bis es sich ausgeweint hat. Wenn Sie das Kind wirklich trösten, braucht es nichts anderes mehr, auch keine Erklärungen und schon gar keinen Ersatz für irgendein Missgeschick oder einen Verlust.

Das Kind kann aber auch schon früh daran gewöhnt werden, dass es bloss einen Ersatz für das erhält, was es eigentlich braucht. Besonders beliebt ist das Ablenken von seinem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit mittels Unterhaltungselektronik. Das funktioniert zwar zumindest anfangs bestens, doch entsteht schon innert kürzester Zeit eine gefährliche Abhängigkeit, die durchaus den Nährboden für süchtiges Verhalten schaffen kann, dauert es doch nicht lange, bis das Kind immer häufiger und immer mehr danach verlangen wird. Die Bequemlichkeit der Eltern schlägt dann wie ein Bumerang zurück. Ziehen Sie deshalb von Anfang an das Kind in Ihren Alltag mit ein, sei es beim Kochen, wo es zum Beispiel mit den Rüstabfällen spielen darf, sei es, dass es in Ihrer Nähe spielen darf, während Sie sich ein paar Minuten hinlegen. Kinder sind nämlich von Natur aus sehr kooperativ, jedenfalls wenn sie spüren, dass sich ihre Eltern ernsthaft um sie kümmern. Dann brauchen sie auch keine Ablenkung.

An sich ist auch der Schnuller eine Ersatzbefriedigung, da er ja das Gestillt werden an der Mutterbrust simuliert. Sie sollten deshalb zumindest zurückhaltend mit dem Einsatz sein, das heisst dem Kind den Schnuller nie prophylaktisch geben, sondern möglichst erst dann, wenn nichts anderes mehr hilft, um das Kind zu beruhigen. Grundsätzlich kommen Kinder von Natur aus ohne Schnuller aus, jedenfalls wenn sie ausreichend gestillt werden. Je unnötiger Sie das Kind an den Schnuller gewöhnen, desto schwieriger und mühsamer wird die Entwöhnung.

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Phase der Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Wenn das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, wird es auch Wünsche und Begehrlichkeiten äussern, die nichts mehr mit blossen Grundbedürfnissen zu tun haben, beziehungsweise weiter über diese hinausgehen können. Wenn der Sohn zum Beispiel der jüngeren Schwester die Puppe wegreisst, muss Ihre Antwort "Nein" sein, das heisst Sie müssen ihm Grenzen setzen, geht es doch bei einem Spielzeug nicht um ein Grundbedürfnis. Keinesfalls dürfen Sie in Versuchung kommen, ihm gleich eine andere Puppe oder sonst etwas Attraktives zu organisieren. Und falls er darob wütend wird (was völlig natürlich ist!), müssen Sie lernen, angemessen auf das Toben zu reagieren. Kinder können durchaus damit umgehen lernen, dass sie nicht alles erreichen können. Sie brauchen nach dem Konflikt bloss die Gelegenheit zur Versöhnung.

Erfährt das Kind zu wenig Widerstand, werden seine Forderungen immer grösser. Wenn das Kind zum Beispiel mit Ihrem Smartphone spielen will, das Sie ihm vernünftigerweise nicht geben wollen, darf Ihre Antwort nicht einfach der Kauf eines Spiel-Elektrogeräts sein, sondern ein "Nein!". Denn das Kind hat sonst keine Grenze erfahren, sondern wird bloss kurzfristig vom "Objekt der Begierde" abgelenkt und spätestens wenn es merkt, dass sein Ersatz weniger attraktiv ist als Ihr Gerät, von neuem danach verlangen.

Kinder brauchen Herausforderungen, an denen sie wachsen können. In diesem Alter sind es vor allem körperliche Ziele, die ein Kind erreichen will, wie zum Beispiel Fahrrad fahren oder Bäume hochklettern. Gelingt ihnen das trotz ihrer von Natur aus vorhandenen Ausdauer und Geduld nicht auf Anhieb, brauchen sie dafür keinen Ersatz, sie werden es einfach wieder versuchen, wenn ihnen etwas daran gelegen ist. Halten Sie sich also zurück und schaffen Sie nicht gleich Stützräder für das Fahrrad oder ein spezielles Klettergerüst an, bloss weil Sie meinen, Sie müssten dem Kind nachhelfen. Sie würden es bestenfalls zu Bequemlichkeit erziehen und seine natürliche Frustrationstoleranz beeinträchtigen, im schlimmsten Fall verliert es irgendwann den Glauben an seine eigenen Fähigkeiten.

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Spielzeug als Ersatz für eine naturnahe Umgebung

Eine spezielle Form von Ersatz für ein Grundbedürfnis des Kindes stellt Spielzeug dar. Während Kinder, die naturnah aufwachsen, zum Beispiel auf einem Bauernhof, nur wenig Spielzeug brauchen, bietet ihnen die städtische Umgebung, wie sie in der westlichen Zivilisation üblich ist, kaum mehr genügend Gelegenheit zum freien spielen. Spielen ist aber für das Lernen des Kindes wesentlich. Sie sollten deshalb mit dem Kind so viel und so oft wie möglich in die freie Natur gehen und es dort frei spielen lassen.

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Mögliche Folgen

Werden die Grundbedürfnisse des Kindes nicht wirklich befriedigt, sondern bloss durch Ablenkung oder Vertröstungen verdrängt, spürt das Kind, dass ihm etwas wichtiges fehlt und beginnt sich danach zu sehnen. Daraus kann sich eine eigentliche Sehnsucht entwickeln, die je nach Persönlichkeit des Kindes zum Beispiel zu

führen kann. In der Regel werden solche Fehlentwicklungen erst nach den beiden ersten, entscheidenden Phasen der Erziehung, also viel zu spät, festgestellt und zudem auch kaum mehr in Zusammenhang mit den Ursachen gebracht, sodass die Eltern das Problem weniger in Erziehungsfehlern als mehr im Wesen des Kindes suchen.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnete Prinzipien

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Fragen und Feedback

Das "Zweimalzwei der Erziehung" ist zum Teil noch im Aufbau. Allfällige Fragen oder Feedback sind willkommen: Email


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