Bedeutung für die Erziehung

Zwischen (wohlwollendem) Mitlachen und (spöttischem) Auslachen ist ein schmaler Grat. Eltern müssen deshalb ein Gespür dafür entwickeln, wo das Wohlwollen aufhört und der Spott beginnt. Denn ein Kind, das in den ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung immer wieder von seinen Eltern ausgelacht wird, wird zu wenig Selbstvertrauen entwickeln, um an seine eigenen Fähigkeiten zu glauben.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

In der Phase der Vertrauensbildung brauchen Kinder vor allem das Vertrauen der Eltern an ihre Fähigkeiten. Auch wenn manches Missgeschick Ihres Kindes derart lustig sein mag, dass Sie sich an eine Komödie erinnert fühlen und am liebsten laut lachen würden, sollten Sie immer auch bedenken, dass sich Ihr Kind alle Mühe gibt, dass ihm etwas gelingt. Sich darüber lustig zu machen, dass das Kind sich ungeschickt angestellt hat, ist also fehl am Platz. Kinder sind keine Komiker und sollten deshalb nicht zu Ihrer Belustigung missbraucht werden. Natürlich dürfen Sie mitlachen, wenn das Kind selbst über sein Missgeschick lacht, doch müssen Sie sich eben immer zuerst versichern, ob das Kind zum Beispiel nicht wütend oder traurig ist (wozu Sie es fragen sollten). Und wenn Sie einfach spontan lachen, weil es halt wirklich zu lustig war, muntern Sie wenigstens das Kind zum Beispiel auf, es nochmals zu probieren oder fragen Sie es, ob Sie ihm helfen können. Mit Auslachen hingegen würden Sie sich vom Kind distanzieren und es nicht ernst nehmen. Auf die Dauer führt das zu einem Vertrauensverlust. Kinder ziehen aber ihr Selbstvertrauen aus dem Vertrauen der Eltern. Sie sollten deshalb immer an die Fähigkeiten Ihres Kindes glauben, dann kommen Sie auch gar nicht erst in Versuchung, es auszulachen. Wenn Sie unsicher sind, wo die Grenze zwischen Auslachen und Mitlachen ist, brauchen Sie bloss die Reaktion des Kindes zu beachten: Ist es verunsichert oder lächelt es zurück?

Kinder können zudem noch keine ironischen Bemerkungen verstehen. Denn Ironie baut, im Gegensatz zu Humor, auf der Mehrdeutigkeit der Sprache auf, was Kinder aufgrund ihrer beschränkten kognitiven Fähigkeiten noch nicht verstehen können.

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Wenn das Kind beginnt, seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, wird es auch immer wieder mal Wut|wütend oder beginnt gar zu toben, wenn es sich nicht durchsetzen kann. Das ist eine völlig natürliche Reaktion und Eltern müssen lernen, angemessen auf das Toben zu reagieren. Manche Eltern kommen stattdessen in Versuchung, sich einfach über das Kind lustig zu machen ("Schau an, wie der Kleine wieder wütet."), vermutlich in der Hoffnung, das Kind würde die ganze Auseinandersetzung auch plötzlich lustig finden und alles sei wieder gut. Diese Hoffnung ist allerdings illusorisch, denn eine wütendes Kind auszulachen führt unweigerlich zu einem Teufelskreis. Ein Kind, das dafür ausgelacht wird, dass es sich mit seiner ganzen Kraft für seine Ziel einsetzt, wir nicht ernst genommen. Statt dass ihm eine Grenze gesetzt wird und dadurch ein Kontakt entsteht, distanzieren sich seine Eltern und tun so, als gäbe es gar keine Grenze. Kinder aber, denen keine Grenzen gesetzt werden, laufen grosse Gefahr, auch selbst keine Grenzen respektieren zu können und drohen schnell als Störenfried abgestempelt zu werden. So werden sie schliesslich gleich doppelt bestraft.

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Sozialisation bis Pubertät (etwa 4 bis 16 Jahre)

Mit der Sozialisation muss sich das Kind auch in einer Gruppe ausserhalb des geschützten Rahmens der Familie behaupten können. Ein reifes Kind kann das, weil es genügend Selbstvertrauen entwickeln konnte und dabei die Anliegen seiner Mitmenschen respektieren kann. Hat es diese Reife noch nicht, wird es sich andere Wege suchen, um seine Persönlichkeit einzubringen. Ein Mittel ist eben auch das Auslachen anderer Kinder, wenn diesen irgendwelche Missgeschicke passieren (andere Mittel sind Provozieren, übermässiges Stören, Schlagen, Schummeln usw.). Meistens geht es darum, dass dem Kind seine eigenen Fähigkeiten zu wenig bewusst sind, sodass es sich schlechter fühlt als andere und eine Art Kompensation sucht, indem es an anderen Kindern auch nach unterentwickelten Fähigkeiten sucht und sich über diese dann lustig macht. Zudem nehmen Kinder ihre Eltern ja zum Vorbild: ein Kind, das von seinen Eltern ausgelacht wird, neigt dazu, dieses Verhalten ganz einfach zu übernehmen.

Aber auch reife Kinder können immer wieder mal in Versuchung kommen, Kameraden zum Beispiel für einen (auch bloss angeblichen) Makel auszulachen. Bis zu einem gewissen Mass gehört das zur Sozialisation, da es um einen gewissen Konkurrenzkampf geht, in dem der junge Mensch den Platz finden muss, an dem er sich am besten entfalten kann. Zudem können auch reife Kinder einem Gruppendruck unterliegen und bloss deshalb mitmachen, weil sie dazu gehören wollen. Als Eltern, aber auch als Lehrperson, sollten Sie ein Gespür dafür entwickeln, ab wann Sie intervenieren sollten und zum Beispiel die Kinder oder Jugendlichen damit konfrontieren, wie es wäre, wenn sie selbst ausgelacht würden.

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Mögliche Folgen

Wenn Kinder immer wieder, zumal in den ersten Phasen der Erziehung, von den eigenen Eltern ausgelacht werden, wird vor allem das von Natur aus vorhandenes Vertrauen des Kindes in seine Eletern beeinträchtigt, was sich wiederum direkt auf sein Selbstvertrauen auswirkt:

  • Beeinträchtigte Beziehung zu den Eltern: Der Glaube der Eltern an die Fähigkeiten des Kindes ist ein absolutes Grundbedürfnis und durch nichts zu ersetzen. Auch wenn Ihnen das Verhalten Ihres Kindes immer wieder nur allzu lustig erscheinen mag, müssen Sie Ihr Kind in erste Linie ernst nehmen. Vor allem Kleinkinder vertrauen ihren Eltern uneingeschränkt, sie fühlen sich deshalb so gut, wie sie es von ihnen erfahren. Wenn dieses Vertrauensverhältnis durch wiederholtes Auslachen gestört wird, geht auch die Grundlage jeder Beziehung verloren.
  • Mangelndes Selbstvertrauen: Das Selbstvertrauen ist ein Spiegelbild des Vertrauens der Eltern in ihr Kind. Wenn Sie das Kind auslachen, nehmen Sie es nicht ernst und vertrauen seinen Fähigkeiten zu wenig. Ein (gesundes) Selbstvertrauen ist aber nebst einem (freien) Willen das weitaus Wichtigste im Leben eines Menschen, um selbständig und beziehungsfähig zu werden.
  • Scham: Wenn ein Kind für ein Missgeschick oder irgend einen Makel ausgelacht wird, fühlt es sich nicht mehr so angenommen, wie es ist und beginnt sich minderwertig zu fühlen. Es vergleicht sich mit anderen und schämt sich für seine - wenn auch bloss vermeintliche - Minderwertigkeit.
  • Schüchternheit: Dass Kinder vor Unbekannten Angst haben, ist völlig natürlich und zudem sinnvoll, da Angst ja vor möglichen Gefahren warnt (Menschen brauchen in der Regel eine gewisse Zeit des Kennenlernens um herauszufinden, ob man einander vertrauen kann). Schüchternheit kommt aber daher, dass das Kind Angst davor hat, dass seine Individuelle Persönlichkeit, insbesondere seine Andersartigkeit, abgelehnt werden könnte.
  • Idealisierung: Wenn Kinder, vor allem Jugendliche, ihren eigenen Fähigkeiten zu wenig vertrauen, kommen sie gerne in Versuchung, diese in Anderen, insbesondere Idolen, zu suchen. Idole sind etwas anderes als Vorbilder, sie sind eine Art Ersatz für die Selbstverwirklichung: die eigenen Fähigkeiten werden sozusagen an einen Fremden, meist unerreichbaren, delegiert, statt selbst ausgelebt.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnetes Prinzip

Selbstvertrauen (erstes Grundprinzip der Erziehung)

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Fragen und Feedback

Das "Zweimalzwei der Erziehung" ist zum Teil noch im Aufbau. Allfällige Fragen oder Feedback sind willkommen: Email


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