Bedeutung für die Erziehung

Die Ablösung des Kindes von den Eltern ist sozusagen das Ziel der Erziehung: Selbständigkeit und Beziehungsfähigkeit. Dieses Ziel sollten Sie als Eltern schon von Anfang an im Auge behalten. Es bedeutet vor allem, dass Sie lernen, den Fähigkeiten des Kindes zu vertrauen und dessen eigenständige Persönlichkeit zu respektieren.

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Schwangerschaft und Geburt

Der erste Schritt in diesem Ablösungsprozess ist offensichtlich bereits die Geburt, wenn das Kind den Mutterleib verlassen will beziehungsweise verlassen muss, um leben zu können. Es ist zudem nicht nur der erste Schritt, sondern wohl der grösste überhaupt in seinem Ablösungsprozess. Sie dürfen also davon ausgehen, dass die Ablösung für das Kind eine fundamentale Erfahrung ist und dazu eine, die es schon aufgrund seines Lebenswillen von sich aus anstrebt. Freuen Sie sich also, dass das Kind von Tag zu Tag selbständiger wird. Wenn Sie sich über die zunehmende Selbständigkeit wirklich freuen können, können Sie auch mit dem regelmässig verbundenen Schmerz der Trennung besser umgehen.

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Vertrauensbildung (bis etwa 2 Jahre)

Als Eltern müssen Sie in den beiden ersten Jahren vor allem lernen, den Fähigkeiten des Kindes zu vertrauen. Lassen Sie also das Kind selbst ausprobieren, wann immer es etwas selbst tun will. Helfen Sie erst, wenn das Kind danach verlangt beziehungsweise fragen Sie zuerst, ob Sie ihm helfen sollen. Je zurückhaltender Sie dabei sind, desto besser! Denn das Kind wird sich mehr und mehr zutrauen und entsprechend selbständiger werden und sich damit von Ihrer Abhängigkeit lösen. Wenn Sie dem Kind dauernd zu früh helfen, wird es schnell an Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten verlieren und sich auf Sie verlassen. Im besseren Fall wird es allerdings protestieren, was Sie motivieren sollte, Ihr Verhalten zu hinterfragen. Die Ablösung beginnt also vom ersten Tag an und nicht erst, wenn das Kind zu laufen beginnt. Andererseits dürfen Sie das Kind zu nichts drängen, was es nicht von sich aus selbst tun mag. Vergessen Sie gleich alle Entwicklungstabellen und bleiben Sie dafür aufmerksam für die individuellen Fähigkeiten Ihres Kindes. Denn während das eine Kind zuerst selbständig essen will, beginnt das andere früher zu sprechen oder zu laufen. Entscheidend ist nicht, welchen Schritt das Kind wann macht, sondern dass es selbst bestimmen darf, wann es selbständig werden will. Nur wenn Sie diese zunehmende Selbständigkeit respektieren können, dem Kind immer so viel Nähe und Distanz lassen, wie es verlangt, kann es Beziehungsfähigkeit entwickeln.

Vertrauen lernen müssen Sie auch in die Grundbedürfnisse des Kindes. Das heisst zum Beispiel, wenn das Kind Hunger hat oder gehalten werden will, sollten Sie möglichst immer und sofort reagieren. Denn das Kind vertraut Ihnen, dass Sie sich immer und sofort um es sorgen. Nur wenn dieses Vertrauen zuverlässig bestätigt wird, gewinnt es entsprechendes Selbstvertrauen. Wird es hingegen mit seinem Hunger dauernd vertröstet, wird sein Vertrauen beeinträchtigt und es wird sich mehr und mehr ängstigen, sodass es sich noch mehr an seine Eltern klammern wird. Daraus kann dann ein eigentlicher Teufelskreis entstehen, sodass die Ablösung je länger, desto schwieriger wird.

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Willensbildung (etwa 2 bis 4 Jahre)

Wenn das Kind beginnt seinen Willen zu entwickeln, in der Regel etwa im dritten Lebensjahr, wird es sich plötzlich mit grosser Vehemenz von seinen Eltern loslösen wollen und nicht mehr einfach warten, bis es von Ihnen dazu ermuntert wird: Es sucht und braucht Herausforderungen. Lassen Sie es also selbst essen, sich selbst an- und entkleiden oder selbst hochklettern, wann immer es dazu Lust hat! Kinder sind in dieser Phase ausserordentlich lernfähig und kommen sprichwörtlich auf alle möglichen und unmöglichen Ideen. Ihre Antwort sollte grundsätzlich immer sein: "Probier es aus!" (ausser natürlich bei wirklichen Gefahren, von denen es aber sehr viel weniger gibt, als die meisten Eltern befürchten). Manche Eltern binden ihre Kinder, wenn auch meistens unbewusst, indem sie ihnen viel zu viel abnehmen. So bleiben Kinder abhängig und haben mehr Mühe sich auf Neues einzulassen, was wiederum ihrer Beziehungsfähigkeit abträglich ist.

Der unbändige Wille des Kindes kann natürlich mit Ihren Absichten oder Regeln zusammenstossen. Dann müssen Sie unbedingt auch Widerstand leisten. Denn nur wenn das Kind erfährt, wie weit es sich mit seinem Willen durchsetzen darf, kann es selbständig werden. Ansonsten bleibt es auf den Schutz seiner Eltern angewiesen. Wenn es zum Beispiel selbständig und sicher in den Kindergarten gehen soll, muss es beim Fussgängerübergang wissen, nach welchen Regeln es die Strasse überqueren darf. Wenn es das noch nicht kann, bleibt es von der elterlichen Begleitung abhängig. Solche Abhängigkeiten hindern den Ablösungsprozess.

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Sozialisation bis Pubertät (etwa 4 bis 16 Jahre)

Die Sozialisation ist meistens auch der Zeitpunkt der Einschulung, wo die Kinder schon räumlich und zumindest zeitweise von der Familie losgelöst sind. Sie erhalten mit den Lehrpersonen zudem eine ganze Reihe weiterer Personen, die sie zum Vorbild nehmen können, was ihnen nur guttun kann. Bleiben Sie neugierig, was Ihre Kinder so an anderen Meinungen mit nach Hause bringen und diskutieren Sie mit ihnen darüber. Je offener Sie sind, desto bester können sich Kinder eine eigene Meinung bilden.

Der Höhepunkt des Ablösungsprozess ist regelmässig die Pubertät. Zu diesem Zeitpunkt sollte der Jugendliche so reif sein, dass er auch die Verantwortung für sein Tun und Lassen weitgehend übernehmen kann und übernehmen will. Ganz abgesehen davon werden Sie nun die Ablösung schon aufgrund der körperlichen Entwicklung und der kognitiven Fähigkeiten gar nicht mehr stoppen können. Sie müssen sich also darauf verlassen können, dass Sie Ihre Erziehungsarbeit während den beiden ersten, alles entscheidenden Phasen der Erziehung genügend erledigt haben. Denn wenn das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind und der gegenseitige Respekt nicht tragfähig genug sind, werden sich die Probleme, die Eltern mit den Kindern in der frühen Kindheit hatten, in der Pubertät nur allzu gerne wiederholen.

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Erwachsenwerden (etwa 16 bis 25 Jahre)

Mit dem Auszug aus dem elterlichen Haushalt sollte der Ablösungsprozess beendet sein. Während sich Ihre Kinder über die eigene Wohnung freuen, werden sie sich kaum je um den allfälligen Trennungsschmerz ihrer Eltern sorgen. Ihre Wehmut beim Rückblick auf die wunderbare Zeit, die Sie mit Ihren Kindern verbrachten, ist verständlich, doch sollten Sie in erster Linie vorwärts schauen und sich darüber freuen, dass Ihre Erziehungsarbeit offensichtlich derart erfolgreich war, dass die Kinder nun selbständig sind. Stellen Sie sich bloss die Situation vor, dass Ihre Kinder nicht ausziehen wollen oder nicht können! Die Trennung geht schliesslich umso einfacher, je früher Sie sich bewusst waren, dass die Erziehung beziehungsweise Begleitung von Kindern von Anfang an ein dauernder Abnabelungsprozess ist.

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Weiterführende Themen

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Übergeordnete Prinzipien

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Fragen und Feedback

Das "Zweimalzwei der Erziehung" ist zum Teil noch im Aufbau. Allfällige Fragen oder Feedback sind willkommen: Email


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